Smartphones sind nicht smart. (Teil 2/2: Der ‚globale Impact‘ von Smartphones)

Dein neues Smartphone. Du findest es auf einer schön designten Web-Oberfläche… oder im angesagten Lifestyleladen in der Fußgängerzone, der Produktberater hat zufällig das gleiche Gerät zu Hause – these things happen! -, und auch er ist der  Meinung, dass es „ein super Gerät vom Preis-Leistungsverhältnis her ist“. Und dann ist es: Deins. Die sanft leuchtende Oberfläche mit dem glänzenden Retina-Display ist glatt poliert, es schimmert leicht – und noch keine Fingerabdrücke stören dieses Bild. Wunderbar. Es wird Dir beistehen, in guten und schlechten Zeiten. Bis das der nächste Handyvertrag Euch scheidet: Ihr werdet eine wunderbare einjährige Beziehung führen1.

Hier könnte die Geschichte zu Ende sein, und meistens ist sie das auch… Aber verlassen wir heute mal die Oberfläche, öffnen das Smartphone fachgerecht und legen seine filigranen Bauteile frei – und graben mal dort, wo niemand so recht hinschaut.

Und wir müssen tief graben, denn unser kleiner ’sehr leistungsfähiger transportabler Kleincomputer zur elektronisch gestützten Kommunikation und Unterhaltung‘ beginnt sein Dasein mit guter Chance tief unter der Erde in der Demokratischen Republik Kongo in Zentralafrika.

Hier lagert die Mehrheit der Kobaltvorkommen der Welt, eine der seltenen Erden, die für die Herstellung der Smartphone-typischen Lithium-Ionen-Akkus benötigt werden. Daneben gibt es hier sehr viel Kassiterit, ein Erz mit einem hohen Zinngehalt, bestehend aus Kupfer, Gold und der „seltenen Erde“ Coltan. Letzteres entspricht Tantal und steckt in jedem Smartphone zum Speichern von Energie, d.h. es wird als Kondensator verwendet (vgl. Jeska 2012, n.n. 2016a).

(Hier kannst Du ein zehnsekündiges Snippet von Minenarbeitern (sog. „creuseurs“) einer typischen „privaten“ Kobalt-Mine anschauen, ausführlicher und prima auf den Punkt gebracht stellt es Amnesty International hier dar (Frankel 2016, n.n. 2016d).

Ob mit bloßen Händen oder mit Meißel und Hammer – auf jeden Fall unter erbärmlichsten Arbeitsbedingungen „für umgerechnet zwei bis drei Dollar am Tag“ – niemand macht sich dort die Illusion reich werden zu können, es geht um das pure Überleben – arbeiten dort geschätzte „100.000 Menschen … in den Minen des Landes …, davon – so Unicef – sind 40.000 Kinder“ (Rittmann 2016, Bezug auf Amnesty International, n.n. 2016c).

Und auch wer nicht irgendwann verschüttet wird, riskiert Lungenschäden… die ZEIT formuliert es so: „Hunderte werden in den Minen des Kongos jedes Jahr lebendig begraben oder ersticken in den Abgasen dieselbetriebener Wasserpumpen“ (Obert 2011).

Weder Apple noch Samsung sind nach Auskunft von Amnesty International in der Lage zu garantieren, dass das Cobalt & Co ohne Kinderarbeit gefördert wurde (n.n. 2016b, c). Selbst wenn das gelänge – auch die übrigen Zustände sind schlicht verheerend, so spricht Obert von „an Sklaverei grenzenden Arbeitsbedingungen“ (2011)… Hand in Hand geht mit alledem der ganze Abwärtsspiralen-Wust von Korruption, Wegelagerei, Schutzgelderpressung, Prostitution, zerstörter Sozialgefüge, Hunger – und damit nicht genug: „Mit dem Ertrag ihrer Plackerei finanzieren bewaffnete Gruppen [in Kongo] einen [Bürger]Krieg, der seit [22] Jahren wütet, mit Millionen von Toten“ (Obert 2011).

Natürlich gibt hier es keine einfachen Lösungen. Aber eines ist sicher: Diese Art von Hölle entsteht zu einem guten Teil durch Geld: Niemand hätte einen Grund in eine solche Mine zu steigen, wenn sich kein Abnehmer für das Erz finden würde. Weltfirmen wie Apple oder Samsung scheuen sich natürlich, in einem Atemzug mit solchen Zuständen genannt zu werden, aber irgendwie gelangt das Zeug eben doch in die Smartphones – via Umwege: So gehen „rund 90 Prozent der Produktion … heute nach Asien“ (Hier findest Du eine Grafik der möglichen Lieferketten). Übrigens: Der Krieg bzw. das Chaos halten generell die Rohstoffpreise niedrig (vgl. Obert 2011), was Firmen und Aktionäre sicher nicht gänzlich unangenehm finden. Und am Ende sieht dem eingeschmolzenen Erz (Kobalt, Coltan/Tantal) keiner mehr seine Herkunft an. Fakt ist: Das Zeug kommt mehrheitlich aus dem Kongo und es ist wesentlich plausibler anzunehmen, dass in Deinem Smartphone diese Erze stecken als das es nicht drinsteckt.

Also, nach Darstellung von Amnesty International (n.n. 2016d) verkaufen die Minenarbeiter oder bereits deren Zwischenhändler das Kobalt auf Märkten in den Städten an Geschäftsmänner oftmals chinesischer Herkunft. Diese wiederum verkaufen das Erz an die chinesische Firma CDM, die es einschmilzt. Deren Mutterfirma Huayou Cobalt Co., Ltd. exportiert es nach China und Südkorea und verkauft es dort an Batteriekomponentenfirmen, die ihre erneut zu transportierenden Vorprodukte an die Endfertiger verkaufen. Dann wird der fertigproduzierte Akku zur Smartphone-Produktionsfirma transportiert.

Wir haben jetzt mit Kobalt und Coltan/Tantal gerade mal zwei der Konfliktrohstoffe näher betrachtet. Ein Smartphone besteht aber aus „mehr als 60 verschiedenen Stoffen aus aller Welt“ (n.n. 2016a), die allesamt abgebaut bzw. mit teils extrem hohen Energiebedarf (Braunkohle!) hergestellt und schließlich – zunächst jeder Rohstoff einzeln, dann die Vorprodukte, schließlich die Einzelteile – teils global transportiert werden müssen. „Kobalt … macht 3-4 Prozent des Gewichts eines Handys aus“ (IZFM 2014). „Ein ca. 80 Gramm schweres Handy hat einen ökologischen Rucksack von 75,3 Kilogramm. Er übersteigt damit das Eigengewicht des Gerätes um fast das Tausendfache“ (IZFM 2014, ökologischer Rucksack siehe http://ressourcen-rechner.de/). Unter den benötigten Materialien befinden sich zudem Kupfer und Gold, bei dessen Abbau Böden und/oder Gewässer verseucht werden – oder auch Zinn, für den Regenwälder zerstört werden (vgl. n.n. 2016a). „Smartphones… bestehen [außerdem zu einem guten Teil] aus Siliziumwafern, deren Herstellung große Mengen an [oftmals Braunkohleverstromter] Energie und [Trink-]Wasser verbraucht. [Und:] Seit 2007 wurden rund 968 TWh [Terrawattstunden] für die Herstellung von Smartphones aufgewandt. Das entspricht nahezu dem Energieverbrauch Indiens für ein ganzes Jahr: Dieser lag 2014 bei 973 TWh.“ (Jardim 2017).

 

So, nun lagern also die Bauteile Deines neuen Smartphones in einer Fabrik irgendwo in Südostasien. Damit reißen die unangenehmen Meldungen aber keineswegs ab:

So schlich sich – wie Matthias Fiedler (2017) für den SPIEGEL herausarbeitete – ein US-amerikanischer Student chinesischer Herkunft namens Dejian Zeng im Auftrag der chinesischen NGO Labour Watch in eine Apple-Smartphonefabrik in Shanghai ein. Nach einem 30-sekündigen Vorstellungsgespäch wurde er zu ‚einem von 70.000‘ und schraubte mit einer ‚Frequenz‘ von 23 Sekunden – täglich, 6 Tage die Woche, offiziell 60 Stunden pro Woche, nach eigener Aussage in Wirklichkeit aber unfreiweillig 72 Stunden pro Woche – , also pro Tag 1800 winzige immergleiche Schrauben zur Befestigung des Lautsprechers an 1800 iPhones. „Dafür erhielt er abzüglich der Kosten für Unterkunft und Verpflegung umgerechnet 455 Euro … [ – die Überstunden wurden schlecht vergütet – doch ] der [monatliche] Mindestlohn in Shanghai liegt lediglich bei 2190 Yuan, 291 Euro“ (Fiedler 2017) pro Monat. Alle zwei Stunden 10 Minuten Pause, Fehler werden in den Pausen nachgearbeitet, er erlebte auch mal neun Arbeitsstunden ohne Essen etc. pp. (vgl. Fiedler 2017)… „Sechs Wochen hielt Zeng durch“ (ebd.)… Soll ich fortfahren?

Vielleicht mit diesem Zitat aus „10 Jahre Smartphone“:

„Über 200 Fabrikarbeiter in Südkorea führen ihre lebensbedrohlichen Erkrankungen, einschließlich Krebs, darauf zurück, dass sie bei ihrer Arbeit in den Halbleiterfabriken gefährlichen Chemikalien ausgesetzt sind.“  (Jardim 2017).

… und dann sind da noch „dreizehn Beschäftigte des Foxconn-Konzerns, der im Auftrag von Apple produziert“, die sich direkt in der Fabrik „im ersten Halbjahr 2010“ das Leben nahmen, „meist, indem sie sich von oberen Stockwerken der Fabrikgebäude in den Tod stürzten.“ „Die Leute waren verzweifelt, auch wegen der Drangsal ihrer Arbeit: miese Löhne, sechzig Stunden Arbeit pro Woche – oder mehr, Einsamkeit im Firmenwohnheim, keine Aussichten, das zu ändern“ (Koch 2011).

60 Stunden sind die Regelwochenarbeitszeit – und dann bekommt man von „Louis Woo, [der] ein enger Vertrauter des Vorstandschefs von Foxconn“ (Koch 2011) ist, so einen Satz zu lesen:

„Es ist richtig, dass das chinesische Arbeitsgesetz nur 36 Überstunden pro Monat erlaubt. Wir übernehmen eine Führungsrolle, um dieses Ziel umzusetzen“ (ebd.).

Ein bestehendes Gesetz als Ziel? Hä?

Seither soll einiges passiert sein, die Löhne erhöht, Netze gespannt (!) worden sein… was auch immer. An der grundlegenden Problematik, dass nämlich die Arbeitsbedingungen „Sweatshop“-Charakter haben, ändert das ü-ber-haupt nichts. Nur weil von „extrem schlimm“ auf „sehr schlimm“ zurückgefahren wurde, gibt es garantiert keinen Grund Beifall zu klatschen.

Das Stichwort Kinderarbeit taucht auch im Zusammenhang mit der Schlussfertigung von Smartphones auf, so wollte 2014 „der Smartphone-Weltmarktführer Samsung … neuen Vorwürfen zu Kinderarbeit bei einem Zulieferer in China nachgehen“ (n.n. 2014b). Und im November 2017 hören wir davon, dass „in China [Berufsschulen] regelmäßig [3000 minderjährige] Schüler in die Werke des Apple-Zulieferers Foxconn [schicken]. Dort arbeiten sie für das neue iPhone X länger als erlaubt. Wer sich weigert, riskiert offenbar seinen Abschluss“ (n.n. 2017).

Ok, ich mach‘ hier einen cut.

 

Nun sind also alle Schrauben feinsäuberlich verschraubt, alles ist zusammengefügt, alle Einzelteile in einen edlen Karton verpackt, mit Prüfsiegel, Garantieerklärung etc. pp. Nun macht sich Dein Smartphone, wie schon zuvor seine Innereien/Einzelteile, auf die Weltreise  und wird an Bord irgendeines Containerschiffs nach Europa, nach Japan oder in die USA verschifft. Lassen wir mal die trostlosen Arbeitsbedingungen auf den Schiffen beiseite, aber festzuhalten ist, dass selbstredend auch dieser Transport erneut zum beeindruckenden CO2-Fußabdruck Deines noch nicht mal ausgepackten Smartphones beiträgt.

Der Container wird entladen und landet samt deines Smartphones auf einem LKW. Nun wird er u.U. tausende Kilometer über Autobahnen zum Großhändler gebracht. Von dort geht es zum Einzelhändler, Du fährst eventuell mit dem SUV vor, um es zu kaufen.
Oder: Es landet bei Amazon, kommt per LKW ins Hochlager, wird aus dem Hochlager genommen, zusätzlich verpackt und per DHL o.ä. verschickt, sodass es erst ins Postlager und von dort aus per Lastwagen zu Dir transportiert wird, vielleicht bist Du sogar anwesend, sonst fallen mutmaßlich weitere CO2- und Stickoxid-belastende Wege an.

 

So, nun seit Ihr, Du und Dein very-much-loved-Smartphone ein smartes Lebensabschnittspaar „für ein Jahr“, ich hoffe, das Teil fällt weder runter noch wird es geklaut, denn sonst geht – symbolisch gesprochen – der ganze Zirkus im Kongo möglicherweise schon wenige Wochen nach Kauf noch mal los, damit Du wieder und erneut ein Smartphone in den Händen halten darfst.

365 Tage später.

…viele Deiner Freunde haben Dich seither ungefähr vier Mal gesehen, vielleicht haben sie noch nicht mal mitbekommen, dass Du vor einem Jahr ein neues Gerät erstanden hast… Du warst vielleicht drei Mal im Kino, 20 Mal beim Sport, warst einmal krank, drei Mal besoffen, zwei Mal im Kurzurlaub… noch einmal Blinzeln… und:

Das Jahr ist um.

Dein Mobilfunkanbieter mit seiner tollen „Handytauschoption“ bzw. sein Konkurrent bieten Dir einen neuen Vertrag mit neuen Geiz-ist-so-verdammt-geil-Konditionen mit einem nigelnagelneuen Smartphone als Dreingabe an. „Time to Say Goodbye“ also für Euch beiden Hübschen: Zeit für die Trennung von Tisch und Bett. Für viele Smartphones ist nun der Zeitpunkt gekommen, dass sie in irgendwelchen Schubladen verschwinden und vor sich hingammeln. Manche werden verkauft, verschenkt oder – das kommt vor! – mustergültig recycelt. Die meisten aber lagern ein paar Jahre in der Schublade und landen dann direkt auf dem Schrott. Und wo landet der Schrott? To keep a long story short: Oft in der Dritten Welt, sehr oft in Afrika. Auf irgendwelchen gigantischen Müllhalden, die ganze Landstriche in Ödnis verwandeln und auf Jahrhunderte verseuchen – und auf denen sich die Ärmsten der Armen tummeln und dort nach Elektronikteilen suchen, die sie dann vor Ort anzünden – und Du weißt bestimmt ja aus eigener Erfahrung, was passiert, wenn man Gummi, Plastik etc. anzündet… das ist zutiefst gesundheitsschädlich, was da in Augen und Lunge gerät, und auch der Kontakt mit den diversen Metallen, darunter Cobalt, ist äußerst gesundheitsschädlich.

Auf diesen Müllhalden suchen Menschen nach also nach „Wertstoffen“, und auch hier sind es allzu oft – ein weiteres verstörendes Mal in diesem LLL-Beitrag, quasi jeder Teil des Produktlebenszyklus‘ ist betroffen – Kinder und Jugendliche, die im Elektroschrott möglicherweise auf eines Deiner weggeworfenen Smartphones stoßen und mit dessen Rohstoffen ein paar Cents verdienen, die sie jedoch dazu bringen, auf der Müllhalde zu verbleiben, von der sie langsam aber ganz sicher vergiftet werden. „Viele Jugendliche leiden unter Kopfschmerzen, Juckreiz, Schwindel und fleckiger Haut. Die Langzeitfolgen sind noch schlimmer, die Dämpfe lassen das Gehirn der Jugendlichen schrumpfen, schädigen Nerven und Nieren – und verursachen Krebs“ (Bojanowski 2011).

Apropos Mülldeponien-Arbeiter: Kennst Du das UNICEF-Foto des Jahres 2011? Du findest es: hier.2

 

Der Kreis hat sich geschlossen. Dein Smartphone ist mehr oder weniger dort angelangt, von wo einige wichtige  Stoffe der Bauteile herkamen: Der Grundstoff des Akkus ist nach einer – möglicherweise – nur rund eineinhalbjährigen Reise mehr oder weniger wieder an seinen Ursprungsort (Afrika) zurückgekehrt und macht zum zweiten Mal dort Menschen krank und in jeder Hinsicht das Land/den Kontinent kaputt.

 

Ich bleibe dabei: Smartphones sind nicht smart.

Das ist kein absolutes Argument gar keines zu besitzen. Aber es gibt Alternativen – die keiner in meinem gesamten Umkreis nutzt – z.B. das Shiftphone (Website) oder das Fairphone (Website). (Meine Öko-Freunde benutzen i.d.R. noch ältere „Krücken“ als ich). Soweit ich weiß und sehe, stellen Shift&Fair technisch und funktional absolut ernst zu nehmende Alternativen dar – und auch die Preise fallen generell nicht aus dem Rahmen.

Ich für meinen Teil finde, dass ein Smartphone nichts ist, was man sich aus „Spaß an der Freud“, aus Angabe, aus Status-Gründen oder auch „einfach nur, weil man es sich leisten kann“ oder weil man es sich angeblich „verdient“ hat, ständig und immer wieder, so wie ein Modeaccessoire, kaufen sollte.

Apropos Mode. Es ist doch so in Mode, „Respekt“ zu fordern. Na, prima: Ich fordere Respekt für die Menschen, die für uns ErsteWeltler den Kopf hinhalten bei der Smartphoneproduktion – und das bedeutet, dass das un-smarte Teil verdammt nochmal gehegt und gepflegt und behalten wird, bis es irgendwann aus Altersschwäche auseinanderbröckelt.

… Und das Nächste muss ja nicht unbedingt ein Neues sein…

Übrigens: Eure Großeltern – so geboren vor 1955 – würden auf jeden Fall jeden einzelnen von Euch, der ein funktionierendes Gerät wegwirft oder „einfach so“ ersetzt, für bekloppt erklären… sie wären: entsetzt. Sind nun Deine Großeltern „von gestern“? Was werden Deine Kinder/Enkel über Deine Großeltern denken? Und was werden sie über Dich denken?

 

Der eigentliche Preis für ein Smartphone bildet sich nicht im Ladenpreis ab. Nicht mal annähernd. Mir persönlich erscheint dieser zu zahlende Preis sehr hoch zu sein.

Nein, wir können (und sollen!) nicht einzeln – zum Beispiel durch den Nicht-Kauf eines Smartphones – die Welt retten. Der Umkehrschluss, einfach alle Bedenken vom Tisch zu wischen und die Sau rauszulassen, ist ebenso falsch. Never forget: Prinzipiell jede Konsumentscheidung ist eine politische Handlung – und Du bist als Konsument viel mächtiger als Du denkst. Und in Deinem sozialen Umkreis bildet Dein Mitmachen die Grundlage für die Rechtfertigung anderer mitzumachen. Ausscheren aus dem vermeintlichen Konsens kann daher machtvoll sein (mehr zu diesem gesellschaftlich äußerst wirksamen Mechanismus siehe Beitrag „Unser Beziehungsstatus mit dem Klimawandel: ‚Es ist kompliziert.’“).

 

Wann immer ich mit Menschen, die sich m.E. wenig Kopf um die Produktionsbedingungen ihrer Konsumgüter machen und überhaupt wenig Ahnung von den ungeheuren Zuständen in der Dritten Welt haben, spreche, kommt es zum „Bonmot von den Arbeitsplätzen“: „Naja, aber wenn ich das 4-EUR-T-Shirt nicht kaufe, verliert die Näherin in Bangladesh ihren Arbeitsplatz“. So die immergleiche Leier, anwendbar auf jedes prekäre Produkt der Welt. Fakt ist, dass jeder Kauf des 4-EUR-T-Shirts den absolut unhaltbaren Status Quo bestätigt.

Daher gibt m.E. kaum ein unangebrachteres, falscheres Argument als das Argument von den „Arbeitsplätzen in der Dritten Welt“, mit denen ErsteWeltler gerne ihren unreflektierten Konsum rechtfertigen.

Es geht hier um ein strukturelles Problem: Globale Firmen suchen sich die billigste Form der Produktion, nutzen also die aktuellen Welt-Gegebenheiten und die Armut der Welt aus – und wenn die politischen/finanziellen Bedingungen in diesem Land nicht mehr angenehm sind, verlagert man diese „Arbeitsplätze“ (ich mag sie so nicht nennen) in ein anderes Land – futsch sind sie, das geht schneller als einmal Zwinkern – und was hinterlässt man? Blühende Landschaften? Nein, man hinterlässt ein Land in einem desaströsen Zustand, sicher auch was die Umwelthinterlassenschaften der Produktion betrifft.

Anders ausgedrückt – der Deal lautet: „Ihr gebt Eure gewachsenen sozialen und kulturellen Strukturen auf, wir geben Euch „Arbeit“ und vermeintlich westlichen Glanz, beuten Euer Land und Eure Leute aus, verschmutzen riesige Areale und Flüsse, ihr schaut nicht so genau hin, wir stützen Eure Oligarchie – und wenn uns das hier zu teuer, aufmüpfig oder dreckig wird, verschwinden wir wieder.“ Das ist er, der: Dreisatz von Abhängigkeit, Ausbeutung und Umweltzerstörung.

 

(Übrigens: Deine Regierung weiß das alles ganz genau. Und tut nichts. Du könntest sie daran erinnern.)

 

Die BWL-Professorin Evi Hartmann geht hier noch einen Schritt weiter. Sie stellt uns ErsteWeltlern – jedem von uns – die Frage: „Wie viele Sklaven halten Sie?“ Im Interview erläutert Hartmann den Titel ihre Buches mit den Worten:

„Wie soll ich das sonst nennen, wenn jemand für 50 Cent am Tag, 14 Stunden lang bei einer Bullenhitze von 60 Grad, ein günstiges T-Shirt für mich näht? Wir alle halten Sklaven – ich eingeschlossen. Nachdem 2013 die Textilfabrik in Sabhar in Bangladesch einstürzte, bin ich die Frage nicht mehr losgeworden, wie etwas so Schreckliches passieren kann – und bei mir und in meinem Umfeld ändert sich nichts. Wir kaufen weiter ein wie bisher. Das hat mich erschreckt“ (n.n. 2016e).

Nun, kurz innehalten – „machen wir uns ehrlich“: Ich glaube nicht, dass diese Ansicht diskutabel ist. Die Frau hat einfach recht. Und wir sollten alle so ehrlich sein, uns das einzugestehen.

Das alles bedeutet letztlich eines: Wir sind seit den prekären Arbeitsbedingungen des Frühkapitalismus nicht wirklich vorangekommen. Im 18./19. Jahrhundert war es so, dass die alten sozialen Gefüge Europas durch die industrielle Revolution bedingte Umwälzung der Arbeitswelt kaputtgingen. Die in die vom Land in die Städte ziehenden, aus ihren sozialen Kontexten herausgelösten Menschen, waren „leichte Beute“ für die prekären Arbeitsbedingungen der städtischen Fabrik-Jobs.

Diese Arbeitsplätze, diese billige Arbeit gibt es auch im 21. Jahrundert immer noch – nur dass diese Jobs eben nicht mehr in London oder Westeuropa zu finden sind, sondern vorrangig in der Dritten Welt. Und auch hier wurden zunächst die alten sozialen Strukturen zerstört – zum Beispiel durch billige Exportwaren, die die Preise und damit die heimischen Märkte kaputtmachte -, sodass die westlichen Firmen mit ihren Sweatshop-Jobs ein leichtes Spiel haben. Und dort machen sie dann all das, was sie in Europa etc. nicht dürfen, weder hinsichtlich der Arbeitsbedingungen noch hinsichtlich der Umwelt. Das ist Absicht, das hat System – und wir Profiteure der Industrienationen schauen zu bzw. weg.

Hier (https://slaveryfootprint.org/) erfährst Du mehr über ‚moderne Sklaverei‘ (sehr zu empfehlen!) – und kannst zudem berechnen, wie viele Menschen Du letztlich als Sklaven hältst. (Klingt harrsch, oder? Evi Hartmann hat es gemacht und ist auf 60 gekommen, vgl. n.n. 2016e).

 

Wenn ich all die vorgenannten Fakten und Zuasmmenhänge in meine Überlegungen mit einbeziehe, verschlägt es mir die Sprache, wie unglaublich arrogant es ist, Smartphones zunehmend auch noch so zu bauen, dass der Akku nicht entfernt werden kann und die Geräte vielfach nicht mal mehr reparierbar sind.

Über die Arroganz, die es bedeutet, ein funktionierendes Smartphone nach einem Jahr zu verschrotten, brauche ich mich sicher nicht mehr weiter äußern.

 

Der unlängst verstorbene Umweltaktivist und „Entschleuniger“ Douglas Tompkins erklärte in Florian Opitz‘ äußerst sehenswerten Film-Doku/Buch „Speed – auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ (2011)3 im Zusammenhang mit Hightechgeräten wie z.B. Smartphones, dass wir für diese Geräte eben den gesamten globalen industriellen Komplex benötigen, der die Welt zerstört (vgl. Opitz 2011, S. 206), und weiter:

„Hier. Der Computer. Eine Massenvernichtungswaffe. Er zerstört die Umwelt in gigantischem Ausmaß. Er beschleunigt die Wirtschaft. Die ist allein in den letzten 25 Jahren um fünfhundert Prozent gewachsen. Ein unglaubliches Wachstum. Und mit welchen Konsequenzen? Immer weniger Fische im Meer. Die Erde ist ausgelaugt. Der Wald verschwindet, Wasser ist knapp und verseucht. Das Klima hat sich verändert. Diese fünf Sachen hätten wir nie hinbekommen, zumindest nicht so schnell und in diesem Ausmaß, wenn wir dieses Ding nicht hätten“ (Opitz 2011, Buch, S. 220-221, Hervorhebung Pendzich).

Beim ersten Sehen des Filmes fand ich, dass Tompkins witzig pointierend ein wenig übertreibt.

Das finde ich: jetzt nicht mehr.

Und wie gesagt: Ein Smartphone ist ein kleiner Computer – und wer Zweifel hat, bedenke: das Teil kann mehr als die meisten vollwertigen PCs vor 15 Jahren. (Und das bedeutet auch, dass quasi alles, was in diesem Text beschrieben wurde auch für Laptops und Tablets gilt – nur dass diese beiden Gerätetypen hoffentlich seltener bereits nach einem Jahr weggekickt werden.)

 

Nein, Dein Smartphone ist nicht smart. Es ist nach meiner Wahrnehmung und auf den Punkt gebracht vielmehr das Symbol einer globalen desaströsen Entwicklung mit der fatalen Ausbeutung der Menschen der Dritten Welt und ihrer Umwelt durch die von uns so verehrten, kaum Steuern zahlenden transnationalen Erfolgsunternehmen. Ich finde, man sollte sich zwei Mal überlegen, ob man vor lauter Bewunderung für ein neues Shareholder-Value-Ekelkapitalismus-Edelprodukt nachts vor einen „Flagstore“ übernachtet, um am nächsten Morgen bei Ladenöffnung einer der ersten zu sein, der sich Blut und Leid an die Hände schmiert. Sorry, am Ende dieses Artikels gerate jetzt auch ich an meinen Grenzen, daher haue ich gleich noch einen raus:

Mein Schlussgedanke: Früher haben Sklaven Handlangerdienste erledigt. Heute gibt es Sklavenarbeit, um Geräte herzustellen, die Handlangerdienste erledigen. Krass? Ja. Überspitzt? Ja. Falsch? Nein.

Marc Pendzich.

Ich widme diese beiden Beiträge „T.Y.G.“.

 


Weitere LLL-Beiträge zum Thema:

und  s.a.

 

Quellen:

Bojanowski, Axel (2011): „Uno-Studie zu Elektroschrott Europas Gift verseucht Spielplätze in Afrika“. In:  SPIEGEL, 30.10.2011

 

Fiedler, Matthias (2017): „Undercover in iPhone-Fabrik. ‚Ich konnte mich kaum noch aufrecht halten'“. in: SPIEGEL, 26.8.2017

 

Frankel, Todd (2016): “The cobalt pipeline. Tracing the path from deadly hand-dug mines in Congo to consumers’ phones and laptops”. In: Washington Post, 30.9.2016

 

Hans, Barabara (2011): „Unicef-‚Foto des Jahres‘. Die Kinder aus Sodom.“ in: SPIEGEL, 20.11.2011

 

Jardim, Elizabeth (2017): „10 Jahre Smartphone. Die globalen Umweltfolgen von 7 Milliarden Mobiltelefonen“. In: Greenpeace, 27.2.2017

 

Jeska, Andrea (2012): „Sklaverei im Kongo – Arbeiten wo der Teufel wohnt“ in: DIE WELT, 30.3.2012

 

Koch, Hannes (2011): „Besuch bei iPhone-Hersteller Foxconn. Blut am Apfel.“ in: taz, 6.5.2011

 

n.n. (2014a): „Rohstoffe und Lebenszyklus eines Mobiltelefons. Factsheet“. in: Informationszentrum Mobilfunk.

 

n.n. (2014b): „Kinderarbeit in China. Samsung will prüfen“ in: taz, 10.7.2014

 

n.n. (2016a): „Was hat mein Handy mit dem Regenwald zu tun?“ in: Abenteuer Regenwald. Eine Seite von Umwelthelden e.V.

 

n.n. (2016b): „Kobaltminen im Kongo. Kinderarbeit fürs Smartphone“ in: DER SPIEGEL, 19.1.2016

 

n.n. (2016c): „‚This is what we die for‘. Human rights abuses in the Democratic Republic of the Congo power the global trade in Cobalt“. in: Amnesty International.

 

n.n. (2016d): „‚This is what we die for‘ – Child labour in the DRC cobalt mines“. in: Amnesty International.

 

n.n. (2016e): „Interview [mit Evi Hartmann]: ‚Was kann ich tun, damit die Welt etwas moralischer wird?’“ in: Utopia, 17.7.2016

 

n.n. (2017): „China: Apple gibt zu, dass Schüler illegal fürs iPhone schufteten“ in: SPIEGEL, 22.11.2017

 

Obert, Michael (2011): „Rohstoffe. Die dunkle Seite der digitalen Welt“. in: DIE ZEIT, 5.1.2011

 

Opitz, Florian (2011): Speed – auf der Suche nach der verlorenen Zeit. DVD-Doku, gleichnamiges Buch.

 

Rittmann, Oliver (2016): „Wie Minenarbeiter ihr Leben für unsere Smartphones gefährden“ in: DIE ZEIT (Blog), 6.10.2016,

 

Fußnoten

1 Thema „1 Jahr und ex und hopp“ „Smartphonenutzung-Durchschnitt = 2,7 Jahre“

Die durchschnittliche Nutzungsdauer eines Smartphones beträgt 2,7 Jahre. Nun, ich habe mein Handy seit 11 Jahren – und vermutlich besitzen viele ältere Mitbürger Ihr Mobilfunkgerät ebenfalls länger als 2,7 Jahre, aber Andere mögen hier vollkommen anders konsumieren.

Manhart, Andreas et al. (2016): „Ressourceneffizienz im ICT-Sektor. Abschluss Bericht.“ In: Greenpeace.

Fakt ist, dass mindestens ein großer Smartphoneanbieter Deutschlands eine jährliche“Handytauschoption“ bereithält.

 

2 Thema „Unicef-‚Foto des Jahres'“

Hans, Barabara (2011): „Unicef-‚Foto des Jahres‘. Die Kinder aus Sodom.“ in: SPIEGEL, 20.11.2011

 

3 Thema „Speed“ Film/Buch

Opitz, Florian (2011): Speed – auf der Suche nach der verlorenen Zeit. DVD-Doku, gleichnamiges Buch.

Advertisements