Smartphones sind nicht smart. (Teil 1/2: Der ’soziale Impact‘ von Smartphones)

Ich habe gar kein Smartphone.

Ehrlich, auf Partys kommt diese Aussage heutzutage einem Outing gleich. Und nach einem undezenten Kopfschütteln ist die weitere Reaktion meiner Generationsgenossen verlässlich immer dieselbe – übrigens exakt die gleiche Reaktion wie bei meiner Erwähnung, kein Fleisch zu essen und kein Auto zu haben:

  • Ich erhalte sogleich umfassende Ausführungen darüber, weshalb mein(e) GesprächspartnerIn ohne xy nicht auskommen könnte; hier also: warum die/er ihr/sein Smartphone nicht missen möchte.
  • Nachfolgend bekomme ich – und mein(e) GesprächspartnerIn wäre hier nur durch eine wirklich grobe soziale Interaktion meinerseits davon abzuhalten – eine ganze Latte ungeheuer praktischer Apps aufgezählt, bei denen mir bei jeder einzelnen jedes Mal durch den Kopf schießt, dass es bisher auch ohne sie ging.

Ich bin keineswegs Technik-feindlich – man schaue nur in mein Studio. Und schnell und ortsunabhängig erreichbar zu sein ist toll, geradezu ein Sprung an Lebensqualität. Eine Straßenkarte immer dabei zu haben, umgehend einen Notruf absetzen zu können, die nächste Stadtbike-Station zu orten oder einfach nur den nächsten Bus herauszufinden – das sind Dinge, die das Leben flexibler und reicher machen können. Auch ein bißchen Entertainment ist: wunderbar.

 

Ein Smartphone ist ein Instrument und wie jedes Instrument/jede Technik/jede Erfindung ist es per se weder gut noch schlecht – es kommt darauf an, was man daraus macht.

Würden jene meiner AltersgenossenInnen, die mir merkwürdig getrieben alles über „ihr Leben mit dem Smartphone“ ausbreiten, ihr Gerät auch tatsächlich in erster Linie, vor allem  und zielgerichtet genauso benutzen, wie von ihnen angepriesen, dann: herzlichen Glückwunsch, wunderbar – you are really smart!

Was ich im krassen Gegensatz dazu jedoch tatsächlich sehe, ist – vielfach, vor allem und immer wieder: Suchtverhalten.

  • Bin ich beim Sport, schauen 1/3 der MitsportlerInnen nach jedem Match (etwa alle 20 min) auf ihre Displays.
    • Komme ich im Café von der Toilette zum Tisch zurück, kann ich sicher sein, dass mein Gegenüber seine Nachrichten checkt.
      • Sitze ich in der S-Bahn, sehe ich nur hängende Köpfe – Zeitungen oder entspannte Mienen sind eine Rarität in der Hamburger S-Bahn geworden.
  • Bin ich mal bei einem Konzert eines aktuellen Acts, lagern die jugendlichen Peergoups vor Beginn gemeinschaftlich auf dem Boden – und schweigen sich an, haben nichts miteinander zu reden, sie sind vereint im kollektiven Glotzen auf das jeweils eigene Display.
    • Kleinkinder machen unterwegs, an der Hand ihrer Eltern in Deutschland täglich aufs neue die unglaubliche Grunderfahrung, dass das Gerät am Ohr ihrer Eltern wesentlich interessanter ist als sie selbst.
      • Und wie oft bin ich als Fußgänger/Radfahrer schon beinahe umgefahren worden von Autos, deren Ich-presse-mein-Smartphone-ans-Ohr-BesitzerInnen ihr Telefongespräch wichtiger finden als mein Leben?

 

Letztere beiden Punkte finde ich: bestürzend.

 

Ich kann sehr gut verstehen, dass Knöpfedrücken faszinierend ist – ich habe mit meiner bescheidenen Casio-Digitaluhr in den 1980ern mit den vier kleinen Knöpfen am Uhrenrand wochenlang ungezählte Stunden verbracht und viele kleine anarchistische Spiele damit erfunden etc.. Wenn sogar dieses minimalistische Teil ‚auf der Höhe seiner Zeit‘ zeitweise absolut unwiderstehlich war für mich – wie sollte es bei Geräten mit dem gefühlten Faktor ‚1 Mio‘ an Möglichkeiten, Knöpfen und Blinkereien anders sein?

Ja, und auch ich kenne den Impuls, die Mails auf dem Laptop öfter als erforderlich abzurufen, und mal eben bei SPON reinzuklicken… aber genau das ist mir ein gar nicht so dezenter Hinweis, dass die Anschaffung eines Smartphones möglicherweise unerwünschte Nebeneffekte haben würde.

Kein Smartphone zu besitzen bedeutet daher für mich auch Selbstschutz, weil ich mir alles andere als sicher bin, dass ich diesem Sog, dem offensichtlich so ziemlich jeder anheimfällt, widerstehen könnte.

Aber, noch wichtiger: Würde ich gesellschaftlich/technisch überall mitmachen, bliebe mir mutmaßlich keine Zeit, kein Raum, keine Energie und kein Kopf mehr für das Komponieren neuer Musik oder für deren Produktion. Um im überbordenen Überangebot nicht überfrachtet zu werden hilft eben nur eines: Prioritäten setzen und schauen, was gut für mich ist. Was garantiert nicht gut für mich ist: Dinge nur deshalb zu besitzen, weil es gesellschaftlich opportun ist.

 

(Sicher, für Jugendliche bedeutet es den ’sozialen Tod‘, nicht in einer Whatsapp-Gruppe zu sein. Ist das nicht grausam?

Und, mehr noch: Ist das nicht seltsam unflexibel? Es ist doch geradezu gesellschaftlich vorgeschrieben (!), dass wir alle so Eigen sein und unser individuelles Ding machen sollen… seltsam widersprüchlich.)

 

Gestern habe ich „the younger generation“ mit dem Satz überrascht, dass ich mir ein neues Handy gekauft habe. Es ist nicht leicht, die ungeteilte Aufmerksamkeit von „t.y.g.“ zu erlangen – aber jetzt ruhten alle Blicke auf mir: „Und welches?“ – „Naja, das gleiche Handy nochmal!“ Oops, das lag nun eindeutig außerhalb des Vorstellungsvermögens von „t.y.g.“, dass ich mir ein vor 11 Jahren produziertes Handy noch einmal zulegen würde. Aber: Allein die Gesichter von „t.y.g.“ waren die erneute Anschaffung wert.

Background ist, dass ich freudiger und – jawohl, liebender Besitzer eines Sony Ericsson W580i (born in 2007) bin, eines sog. Walkman-Handys, dass in meinen Augen nicht nur formschön aussieht, absolut robust und zuverlässig sowie als Schiebehandy unglaublich platzsparend ist, sondern darüber hinaus m.E. exakt all das kann, was es können soll (telefonieren, sms, Walkman, Diktaphon, Notizen). Und dass ebenso exakt all das nicht kann, was es nicht können soll (Dauerreichbarkeit auf allen Kanälen, Unendlichkeit der Möglichkeiten). Es verfügt darüber hinaus über einen fantastischen Sound mit einem In-Ear-Kopfhörer, der nach wie vor keinen Kabelbruch o.ä. hat. Es ist unzählige Male heruntergefallen und ebenso oft unbeschadet wieder aufgehoben worden. Es möchte ca. einmal pro Woche kurz ans Ladekabel – and that’s it. Keine Updates, keine Viren, kein Vertrag… Mein Exemplar ist zwar weiterhin in Ordnung und mackenfrei, aber ich hatte festgestellt, dass es allmählich schwieriger wird, von diesem Typ noch (gebrauchte) neuwertige Geräte zu erhalten. Also habe ich mir jetzt eines auf Halde gelegt. Schön, wenn Vorliebe und Ökobilanz eine derartig perfekte Liäson eingehen.

 

Es kommt übrigens seit einiger Zeit, in Abweichung des eingangs geschilderten, jahrelang immer gleichen Gesprächablaufes („Warum ich nie, nie, nie auf ein Smartphone verzichten könnte“), manchmal ein neuer Ton in die Diskussion: Seit einiger Zeit erlebe ich, dass mich Menschen, deren Blick auf mein Handy fällt, neidvoll anschauen und mir – widerum nicht erbeten – mitteilen, dass sie diese Möglichkeit (also die Möglichkeit, kein Smartphone zu nutzen) leider nicht hätten. Das Leben ist hart.

 

Ok, Finale.

Smartphones können für den User smart sein: Wenn sie eben für praktische Dinge genutzt werden, wenn sie den tatsächlichen Bedürfnissen gerecht werden – und fertig. Das meint doch smart: Quasi „invasiv“ (=per Minimaleingriff) dort unterstützend, wo es hilfreich ist, wie ein Butler, der seinen Job um so besser macht, um so unauffälliger er zu Werke geht…

Wo  aber Smartphones übermäßig viel Raum einnehmen, als Fetisch/Statussymbol, als Surrogat für echte soziale Interaktion, als Ersatz für ein Leben von Angesicht zu Angesicht dienen, ja als Ablenkung vom Leben dienen,

– um Himmels willen! Was ist so schlimm, dass Du Dich von Deinem eigenen Leben ablenken musst, um es zu ertragen? Vielleicht solltest Du mal lieber an diesen Punkt ran, anstatt Dich mit Konsum zu betäuben? –

sind sie aus meiner Sicht vor allem eines: problematisch.

 

(Hier findest Du noch einmal „Look up!“ – für mich das möglicherweise wichtigste Video, dass jemals auf YouTube gepostet wurde.)

 

Lebelieberlangsam. Was auch immer das für Dich konkret bedeutet.

Marc Pendzich.

 

PS: Vielen von uns ist m.E. die liebevolle Beziehung zu den eigenen Besitztümern abhanden gekommen. Vermutlich haben die meisten Menschen einfach zu viele zu schnell auszuwechselnde Gegenstände, sodass sich eine gewisse Beliebigkeit breit macht.

Ich für mein Teil hänge z.B. an meinem Fahrrad. Es gibt schönere und bessere Fahrräder auf der Welt. Aber dies ist: Meins. Ich kenne jede Schraube, jede Macke und wenn ich es fahre, bin ich eins mit ihm. Ich habe es genau auf meine Bedürfnisse abgestimmt. Es ist: einmalig. Würde es gestohlen, wäre der materielle Wert (ähnlich wie beim Verlust eines Portemonnaies) nicht das Thema. Das Thema wäre die Schwierigkeit der „Wiederbeschaffung“: Mein Fahrrad gibt es im Laden nicht zu kaufen. Es ist enorm aufwändig, sich wieder ein Rad aufzubauen, dass genau diese Art Lenker, diese Art Sitz hat etc pp.

 


Mehr zum Thema:

Honey, Christian (2018): „Bin ich süchtig nach meinem Smartphone?“ in: DIE ZEIT, 9.4.2018.

Zitat aus dem Artikel:

  • „Zu den Symptomen zählten dabei ‚die ständige gedankliche Beschäftigung mit dem Smartphone, Entzugserscheinungen bei Nichtvorhandensein des Gerätes sowie berufliche oder private Beeinträchtigungen aufgrund der übermäßigen Nutzung.'“

 

Was mich sprachlos macht: Kleinkinder, die gelangweilt in der Karre liegen und wischen, siehe auch: