Das Hamsterrad – und wie wir da rauskommen. (Teil 3/3)

Zurück zur „gefühlten Abhängigkeit“ und der damit einhergehenden Unzufriedenheit… da landen wir dann wieder bei der Beratungsliteratur, die die Sehnsucht nach Veränderung/Freiheit bedient. Und vielleicht ist diese Sehnsucht auf diese Weise im Zaum zu halten, weil wir uns mit dem Lesen ja zumindest ein Stück weit mit unserem Thema auseinandergesetzt haben. Also zumindest kurzfristig aktiv geworden sind: aus der passiven Ecke herausgekommen sind…

 

Teil 3a Unzufriedenheit durch Abhängigkeit, verstärkt durch Schulden/Kredite… und der Versuch, die Unzufriedenheit durch Simplify-„Zeitmanagement“ und Selbstoptimierung zu beseitigen.

Teil 1 & 2 gibt’s hier: Teil 1; Teil 2; den vollständigen Text in einem Dokument mit allen Quellen/Fußnoten gibt’s hier: Das Hamsterrad – und wie wir da rauskommen.

 

Eine spezielle Gattung dieser Beratungsliteratur sind Bücher, die suggerieren, über Selbstmanagement Zeit sparen zu können oder dadurch erfolgreicher zu werden. Bücher, die z.B. oftmals das Wort ‚Simplify‘ im Namen tragen10.

‚Vereinfache Dein Leben‘ meint hier allerdings keine radikalen Bruch mit dem Ist-Zustand, sondern vielmehr eine Optimierung des Alltags und Berufslebens um des ‚Weiter so‘, um der Karriere willen. Die Bücher wollen zeigen, wie man das Hamsterrad optimieren kann, um im Idealfall sogar noch schneller in diesem Rad laufen zu können.

Die Wahrheit über ‚Simplify & Co‘ ist, dass es nicht darum geht, dass Leben im eigentlichen Sinne zu vereinfachen, sondern besser zu managen, damit der Lebensstandard und der Status Quo gehalten wird. Es geht also nicht um die Rückkehr zum menschlichen Maß11. Es geht um mehr Erfolg in dieser Welt.

Wir haben es folglich nicht mit einer Lösung, sondern schon eher mit einer Falle zu tun.

 

Teil 3b Unzufriedenheit durch Abhängigkeit, verstärkt durch Schulden/Kredite… und der Versuch, die Unzufriedenheit durch Simplify-„Zeitmanagement“ und Selbstoptimierung zu beseitigen… doch die einzige Lösung liegt m.E. in Reduktion und bewusstem Verzicht.

Im geradezu brutalen Unterschied zum Simplify-Ansatz meint ‚Minimalismus‘ etwas völlig anderes. Die Definitionen mögen auch hier weit gestreut sein, aber ich denke, wir können uns grundlegend darauf verständigen, dass Minimalismus generell das Loslassen von materiellen Dingen/Ansprüchen sowie eine Vereinfachung /Reduktion durch bewussten Verzicht inmitten des grotesken Überflusses bedeutet.

Minimalismus zu leben ist eine Form von (in der Radikalität selbst gesteuertem) Aussteigen aus der Überflussgesellschaft – und bedeutet eine Reduktion der tatsächlichen Abhängigkeit vom Job.

Apropos Reduktion der Abhängigkeit vom Job: Damit ist garantiert NICHT gemeint, nicht oder nur wenig zu arbeiten oder gar „faul“ zu sein (wobei auch dieses Recht ein jeder hat, selbst wenn das Manchem nicht gefällt), es geht darum, einer Arbeit und Aufgabe nachzukommen, die zu uns passt und deren Wert sich nicht vorrangig über das daraus resultierende Gehalt definiert. Anders ausgedrückt: AchtStundenTäglich – sollte man nicht dafür sorgen, die Mehrheit seiner täglichen wachen Stunden mit einer ausfüllenden und zufriedenstellenden Tätigeit zu verbringen?

Je weniger Besitz, je weniger materielle Ansprüche, je weniger „Karrieredenken“, je weniger hoch der sog. Lebensstandard – desto weniger tägliche, wöchentliche, monatliche und jährliche Verpflichtungen erwachsen uns.

 

Minimalismus bedeutet m.E. eine Rückkehr zu uns selbst – es ist ein zu-eigen-machen der Formel „Ich brauche das Alles nicht“ – eine Gedankenwelt, in der Prestigeobjekte, rätselhafte Angebereien à la „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“ keinen Platz und auch keinen Wert haben. In der es egal ist, dass der Nachbar sich ein neues Auto angeschafft hat. In der demzufolge Geldausgaben auf Notwendiges und wirklich, wirklich persönlich bedeutsame Dinge reduziert sind, weil Freiheit ein hohes Gut ist und die Gegenwart nicht auf Kosten der eigenen Zukunft gelebt wird.

Für radikales ‚Downshifting‘ spricht noch etwas:

Beratungsliteratur zu lesen, während man gerade mitten im System, im Hamsterrad steckt, mag beruhigend wirken – wirkliche Veränderung herbeizuführen, während man gerade mitten im System steckt, ist schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Tiefgreifende Veränderungen im laufenden System – das weiß auch jeder IT-Fachmann, sind zu vermeiden.
Ein Sabbatjahr ist in diesem Zusammenhang eine verdammt gute Sache – gleichfalls die Erkenntnis, dass wir selbst wichtiger sind als die Äußeren Dinge.

Unsere Gesellschaft gibt uns die Freiheit zu tun, was wir wollen. So viel Freiheit war nie. Aber es ist eine verdammt hohe Kunst diese Freiheit für sich zu nutzen und zum Beispiel das Sein über Leistung zu setzen, also: nicht im Kanon mitzusingen, sondern das zu machen, was wirklich zu einem passt.

„Sein statt Haben“ – so würde ich es formulieren.

„Zerschneide Deine Kreditkarte“ – so formuliert es Hodgkinson (2009, S. 134)

 

Marc Pendzich.

 

PS: Ein Schlussgedanke von Jiddu Krishnamurti:

„Es ist kein Anzeichen von seelischer Gesundheit sich an eine zutiefst gestörte Gesellschaft anpassen zu können.“12

 


siehe auch LLL-Beiträge:

 

Über das Phänomen „Zeit zu sparen durch Technik und doch immer gehetzter durchs Leben zu rauschen“:

Der Philosop Richard David Precht im Gespräch mit dem Soziologen und Zeitforscher Prof. Dr. Hartmut Rosa: TV-Sendung „Precht: Rasender Stillstand – beschleunigen wir uns zu Tode?“ vom 14.6.2015.

 


Quellen:

1 ‚Buchmarkt in Deutschland‘: 2015: 9,188 Mrd EUR Gesamtumsatz, Umsatzanteile 1. Beletristik 32,1%, 2. Kinder-/Jugendbuch 15,8%, 3. Ratgeber 14,3% = 1,31 Mrd EUR vgl.

 

2 Zahlen zu ‚Unzufriedenheit im Job‘:

Däfler, Martin-Niels (2017): „Zwei Drittel aller Beschäftigten sind unzufrieden“. in FAZ 17.3.2017

Fichter, Alina (2013): „Bitte umsatteln. Viele Menschen wählen den falschen Beruf. Und dann?“ in: DIE ZEIT 24.10.2013

Groll, Tima: „Kündigen oder bleiben. Die meisten Deutschen sind im Job frustriert. Trotzdem wechseln nur die wenigsten ihren Arbeitsplatz, stellt eine neue Studie fest. Warum?“ in. DIE ZEIT 29.3.2017  (Abrufdatum: 23.10.2017)

 

3 Thema „Pendeln, um zu dem Ort zu fahren, der uns unzufrieden macht“ vgl.

Pendzich, Marc (2017): „Der OMG des Tages. Zeitfresser Nr. 1: Pendeln“. in:

…Beitrag der Rubik: „Hard Facts – Meine Randnotizen“ entnommen:

 

4 Verweis auf
MyMonk.de, Beitrag „Die wahren Kosten von Besitz“

Schlenzig, Tim: „Die wahren Kosten von Besitz“ 24.10.2017. in: myMonk.de (Abrufdatum: 25.10.2017)

    • … Es ist eben nicht nur das Kaufen und Besitzen, sondern auch das Warten, Reparieren, das Darum-Kümmern etc. pp.

 

5 Thema „Die gute alte Heinrich-Böll-Geschichte vom dösenden Fischer, der genötigt wird, sein Unternehmen zu vergößern, damit er endlich richtig dösen kann“

Heinrich Böll (1963): ‚Vom dösenden Fischer, der genötigt wird, sein Unternehmen zu vergößern, damit er endlich richtig dösen kann‘: Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral; siehe:

 

6 Zitate aus
Tom Hodgkinson (2009): Die Kunst, frei zu sein. Handbuch für ein schönes Leben. Heyne.

    • Wenn bereits ein kleiner ‚Anarchist‘ in Dir schlummert, weckst Du ihn garantiert mit diesem Buch.

 

7 Thema „Studiengebühren in den USA betragen 12.000 bis 40.000 US-$ pro Jahr“

„Egal, ob College oder Universität, die teuersten Hochschulen in den USA kosten bis zu $40,000 pro Jahr allein an Studiengebühren. … Viele kleinere, regionale Universitäten mit hervorragendem Ruf veranschlagen „nur“ etwa $12,000 bis $18,000.“

 

Immerhin, hier gibt es nach Angaben des SPIEGELs möglicherweise eine Trendwende zu verzeichnen:

… was positiv ist, aber selbstredend nicht ganze Generationen von US-Bürgern von Schulden befreit.

 

8 Zitat aus
Wringham, Robert (2016): Ich bin raus. Wege aus der Arbeit, dem Konsum und der Verzweiflung. Heyne.

  • Robert Wringham zur Frage „Was ist wichtig im Leben?“:

„Wenn man alt wird oder mit dem Tod in Berührung kommt, erkennt man, dass das Wichtigste im Leben die Gesundheit, Freundschaft, Freizeit und Ehrlichkeit sind. Schon erstaunlich, dass die Menschen erst eine Grenzerfahrung machen müssen, um das zu kapieren. … Wir halten unsere Gesundheit, unsere Freunde, unsere Freizeit und unsere Entscheidungsfreiheit für eine Art Trostpreis, dabei sind es Grundbedürfnisse.“

https://www.randomhouse.de/SPECIAL-zu-Ich-bin-raus-von-Robert-Wringham-Heyne-Encore/Robert-Wringham-im-Gespraech/aid68346_13359.rhd (Abrufdatum 16.2.2018)

 

9 Film Larry Crowne (2011), mit Julia Roberts und Tom Hanks, siehe

 

10 Thema „Beratungsliteratur à la Simplify“

Vgl. dazu die Doku Speed – auf der Suche nach der verlorenen Zeit (2011), die auch als gleichnamiges Buch von Florian Opitz veröffentlicht wurde. Hier besucht Optiz ein Zeitmanagement-Seminar des „Zeitmanagementpabst[es]“ the „one and only“ Prof. Dr. Lothar Seifert. (2011, S. 36)

 

11 Thema „Rückkehr zum menschlichen Maß“: Ein Gedanke aus

Niko Paech (2012): Befreiung vom Überfluss. Auf dem Wege in die Postwachstumsökonomie. oekom Verlag.

    • Hier  geht es maßgeblich um die Erkenntnis, dass unsere Lebensweise eben nicht normal ist, sondern Kennzeichen einer Überflussgesellschaft ist und die Rückkehr zum menschlichen Maß keine Beschänkung, sondern geradezu eine Befreiung darstellt.

 

12 Jiddu Krishnamurti, Zitat „Es ist kein Anzeichen von seelischer Gesundheit sich an eine zutiefst gestörte Gesellschaft anpassen zu können.“

https://books.google.de/books?id=Cps4DwAAQBAJ&pg=PT107&lpg=PT107&dq=Es+ist+kein+Anzeichen+von+seelischer+Gesundheit+sich+an+eine+zutiefst+gest%C3%B6rte+Gesellschaft+anpassen+zu+k%C3%B6nnen&source=bl&ots=laxN_cSIU1&sig=XO9ghlvzFm2icCFzoNFSLNtU5VU&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwiD7vm9qIvXAhUGChoKHQhnBuE4ChDoAQgqMAE#v=onepage&q=Es%20ist%20kein%20Anzeichen%20von%20seelischer%20Gesundheit%20sich%20an%20eine%20zutiefst%20gest%C3%B6rte%20Gesellschaft%20anpassen%20zu%20k%C3%B6nnen&f=false