Das Hamsterrad – und wie wir da rauskommen. (Teil 2/3)

Okay, was ist ein Kredit? Ich meine: genaugenommen?

Ein Kredit ist der Tausch von zukünftiger Arbeitsleistung gegen einen Nutzwert in der Gegenwart (ein Gegenstand, ein Haus, eine Reise). Es handelt sich um ein Geschäft, mit dem wir uns via Zinsen Geld erkaufen, d.h. wir kaufen etwas mit diesem gekauften Geld, was wir uns in diesem Moment nicht leisten können und zahlen nicht nur mit unser Zeit (die wir nachfolgend arbeitend verbringen) in der Zukunft, sondern aufgrund der Zinsen sogar mit Mehrarbeitszeit.

(Wobei uns unbekannt ist, ob der betreffende Nutzwert zum Zeitpunkt der Abbezahlung überhaupt noch vorhanden ist – das so erworbene Auto könnte längst kaputt sein.)

Nun kann das keine Rede gegen jegliche Kreditaufnahme sein, denn wenn man z.B. ein Startup hochziehen möchte, dann bedarf es der Investition… auch ein Haus wird kaum jemand aus der ‚Portokasse‘ per Bargeldkoffer bezahlen können.

Dies ist Teil 2 Unzufriedenheit durch Abhängigkeit, verstärkt durch Schulden/Kredite

(Teil 1, kompletter Beitrag auf einer Seite: hier)

 

Aber es ist wichtig, sich das Wesen eines Kredits klarzumachen. Und dieses Wesen ist definitiv ein ganz anderes, als uns die zahlreichen Kreditfirmen, die gerne Worte wie „Sofort“, „Easy“ oder „24“ im Namen tragen, die Slogans à la ‚jetzt Kaufen – später zahlen‘ und die angeblichen ‚Nullprozentfinanzierungen‘ der Möbel-, Auto- und Technikverkäufer weis machen wollen: Wir zahlen mit verpfändeter Zeit, wir schränken unsere künftigen Handlungsoptionen ein, wir zahlen mit unserer künftigen Freiheit – und ernsthaft, das sollten wir nicht leichtfertig machen.

Ich für meinen Teil lebe aus Prinzip (schon allein deshalb: ohne Immobilie) und schon immer mit Bedacht schuldenfrei, was man dann bedauerlicherweise daran merkt, dass ich mir nicht ständig Videoclips oder größere Marketingkampagnen für meine Musik leiste. Man könnte nun argumentieren, dass dieses Investment sich lohnen würde, weil ich möglicherweise (sehr wichtiges Wort!) mit meiner Musikkarriere schneller vorankäme und sich so ein ‚Payback‘ einstellen würde.
(Jetzt sind wir quasi bei der guten alten Heinrich-Böll-Geschichte vom dösenden Fischer, der genötigt wird, sein Unternehmen zu vergößern, damit er endlich richtig dösen kann, siehe Anhang.)

Aber ich lebe im jetzt, ich weigere mich, meine Zukunft festzulegen:
Ich leiste mir nur, was ich mir leisten kann.

 

Es ist sehr spannend zu sehen, dass Zinsgeschäfte zu allen Zeiten, und hier besonders im Mittelalter, sehr skeptisch betrachtet wurden. So hält Tom Hodgkinson in seinem inspirierend freundlich-anarchistischen Buch „Die Kunst, frei zu sein“ fest, dass „der Geldverleih gegen Zinsen – oder Wucher – für niemanden in Frage [kam], dem [am Ende seines Lebens] ernsthaft an seiner Erlösung gelegen war. … Der Grund … [lag] darin, dass Zeit als Gottesgeschenk galt und deshalb nicht gekauft oder verkauft werden durfte“ (2009, S. 120). (Auch „Momo“ lässt hier grüßen…)

Hodgkinson führt weiter aus:

„Außerdem muss man begreifen, dass Banken begeistert sind, wenn man Schulden macht. Das lieben sie über alles, weil es ihnen viel Geld einbringt. Deshalb werden wir dauernd zu unbesonnenen Ausgaben ermutigt und aufgefordert einen Traumurlaub oder ein neues Auto… mit unserer Kreditkarte zu finanzieren. Deshalb geben die Wucherer so hohe Summen aus, um ihre ‚Finanzdienste‘ – wenn das kein Euphemismus für Wucher ist! – in der Fernsehwerbung anzupreisen. … Überhaupt ist jede Werbung, die uns zum Geldausgeben auffordert – was die meisten tun -, kostenlose Reklame für die Banken, denn je mehr wir ausgeben, desto mehr verdienen sie.“ (2009, 125)

Und dann kommt auch Hodgkinson darauf, dass Schulden „das Gefühl vermitteln [können], man trage Bleistiefel… Wir machen die Schuldenrückzahlung zur Priorität… Deshalb bleiben wir schließlich in unserem Sklavenberuf… Du verschuldest dich, und dann sitzt du da in deiner verhassten Tätigkeit fest…. Das ist nützlich für das System, denn es bedeutet, dass die meisten von uns mehr oder weniger ruhiggestellt sind und weiterschuften.“ (2009, S. 126)

 

Ja, wow.
Ist Letzteres die Antwort auf die Frage, warum zu viele Menschen – obwohl für eine funktionierende Demokratie unabdingbar – für gesellschaftlich relevante Dinge, für wichtige Zukunftsentscheidungen unseres Landes, von Europa, der Welt – für die Frage:

‚Wie wollen wir leben auf diesem Planeten?‘

so gar keinen Kopf haben? (Wie bitter ist das eigentlich???)

 

Und wenn das so ist, dann müssten Firmen, Banken, Unternehmen, Unternehmer, gewisse Bleibt-alles-so-wie-es-immer-war-Politiker eigentlich ein grundlegendes Interesse haben, dass wir Bürger aufgrund von Schulden quasi ‚mitmachen‘ müssen aufgrund von Schulden bzw. mangels Zeit/Kopf/Energie für Alternativen?

In den USA ist ein Großteil der Hochschulabsolventen aufgrund der fünfstelligen Jahres-Studiengebühren (12.000 – 40.000 US-$, vgl. massiv verschuldet, manche zahlen jahrzehntelang ihre Kredite ab. Das bedeutet, noch bevor, diese Menschen ihren ersten hauptberuflichen Job haben, sind sie bereits im System gefangen… oder gar ruhiggestellt?

Besitzen Schulden allgemein und Haushypotheken bzw. Studienkredite im Besonderen letztlich eine systemstabilisierende Wirkung?

 

Das hat also: System.

Die gute Nachricht daran ist, wir können uns – zumindest solange wir nicht verschuldet sind – frei entscheiden ob wir das Systemspiel mitspielen – oder nicht.

 

Zwei Aspekte zum Schluss:

  • Ich denke, für alle Nicht-Beamten ist es heute normal und absolut erwartbar, irgendwann im Verlaufe des Arbeitslebens mal zumindest eine zeitlang ohne Job zu sein.
    Und dann kommt die Bank.
    Und Sie bekommen von deren Mitarbeiter keinen Kaffee mehr angeboten, und der Ton wird rauer.
    Insofern ist die heutige Situation für Menschen mit eher nicht soooo sicheren Jobs eine eindeutig andere als zu Zeit Ihrer hauskaufenden Eltern, sodass zumindest aus meiner Sicht die Aufnahme einer hohen Hypothek sehr, sehr gut überlegt sein will.

 

  • Und wenn man schon Schulden hat? Dann stehen selbige bis zur Abzahlung der persönlichen Freiheit im Wege. So sieht das – etwas polemisch ausgedrückt – auch Robert Wringham in seinem Buch „Ich bin raus“ (2016):

„Schulden sind das Gegenteil von Freiheit. Wenn man jemanden 103.000 Euro schuldet, dann hat man ein Vermögen von minus 103.000 Euro. Jeden Tag, den man unter solchen Umständen arbeitet, verdient man kein Geld, sondern zahlt Schulden zurück. … Wenn Sie keine Schulden haben, dann haben Sie die Macht, einfach Ihren Arbeitsplatz zu verlassen und nie mehr wiederzukommen. … Kaufen Sie kein Haus für 300.000 Euro, wenn Sie keine 300.000 Euro haben. Gehen Sie nicht mit einer Kreditkarte einkaufen, wenn Sie weniger auf dem Konto haben, als Sie heute ausgeben wollen. Zahlen Sie immer bar und lassen Sie sich nicht in Abhängigkeiten verstricken. Aber für viele von uns ist es leider schon zu spät. …  Das entspricht zu hundert Prozent der neoliberalen Ideologie und den Grundlagen der Konsumwirtschaft: Eine Bevölkerung, die aus hoch verschuldeten jungen Leuten besteht, ist eine leichte Beute. … Sie müssen jetzt zuallererst mal Ihre Schulden tilgen, bevor Sie die Chance haben, in die Freiheit zu gelangen.“ (250-251)

 

Frei assoziiert – und zum etwas entspannenderen Ausklang – möchte ich dazu den Film „Larry Crowne“ (2011) mit Julia Roberts und Tom Hanks empfehlen, wo Tom Hanks irgendwann einfach keine Lust mehr auf die unangehmen Banktermine hat – und sein Haus der Bank „in den Rachen“ wirft, um endlich: frei zu sein. Und ab da geht es ihm: verdammt gut.

 

Womit die Lösung, wie wir aus dem Hamsterrad aussteigen können, schon angedeutet ist. Aber bevor wir soweit sind, versuchen die meisten von uns sich mittels Zeitmanagement selbst zu optimieren… dazu nächsten Freitag (16.2.) mehr.

pndzch.

(Quellennachweise folgen, wenn Beitrag vollständig online)

 

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Ein Kommentar zu „Das Hamsterrad – und wie wir da rauskommen. (Teil 2/3)

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