Rauchen: Everybody’s got a hole to fill?

Liebe M.,

pardon wegen gestern: Ich habe noch nie jemandem die Zigarette aus der Hand genommen. Ich hoffe, Du kannst das als eine Art merkwürdig verdrehte Bekundung meiner Freundschaft sehen – Du bist mir wichtig! -, und als einen spontanen Versuch von mir, ein markantes Zeichen zu setzen. Du hast zum Glück ganz cool reagiert: Danke.

Für mich war es in dem Moment so, dass zwei Dinge zusammen kamen:

  • Du bist – nach der Schwangerschaft – wieder neu „dabei“, die Gewöhnung ist noch nicht wieder voll da, d.h. es wäre ein guter Zeitpunkt es sofort wieder sein zu lassen – und
  • Ich habe in letzter Zeit sehr viel darüber gelesen, wie extrem stark man seine Lebenszeit bzw. seine (Alters-)Lebensqualität steigern kann, wenn man das Rauchen sein lässt.

Rauchen soll, wie jede „schlechte Gewohnheit“ oder auch Sucht, irgendetwas ausgleichen… Bob Geldof hat 1992 mal gesungen „It doesn’t matter if your name is Jack or Jill – everybody’s got a hole to fill“ (s.u.)… Was soll es bei Dir ausgleichen? Vom Prinzip sind schlechte Gewohnheiten/Süchte selbstzerstörerisch, d.h. der Mensch macht etwas gegen sich selbst gerichtet. Da ist also etwas, was uns mit unserem Leben unzufrieden macht… da ist etwas, womit wir an uns selbst nicht einverstanden sind – und wir versuchen einen Ausgleich durch eine „Belohnung“ zu schaffen, in dem wir uns kurzfristig „etwas gönnen“. Rauchen ist m.E. ein Symptom, ein Platzhalter für irgendwas anderes… aber worum geht’s wirklich?

(Selbstverständlich habe ich „Jack“ auch meine „holes to fill“ – ich bin (zum Glück!) alles andere als perfekt. Aber bezogen auf Ziviliations-Laster habe ich lediglich einen erhöhten Kaffee-Konsum zu vermelden – ich rauche nicht und ich trinke keinen Alkohol, habe tatsächlich niemals irgendwelche Drogen genommen.
Irgendwie gibt es in mir ein „Trotz-Gen“, das sofort reagiert, wenn etwas von mir gesellschaftlich per Gruppendruck erwartet wird, z.B. der Griff zum Sektglas bei einem Empfang oder einem Geburtstag.)

Ich werde mich nicht erneut einmischen, versprochen. – Es steht mir selbstredend nicht zu, wir sind alle erwachsen und für uns selbst verantwortlich – und ab sofort werde ich meine Klappe halten…

 

Aber bevor ich sie halte, die Klappe, hier die Fakten, die mich zu der Aktion haben hinreißen lassen:

Der SPIEGEL hat unlängst einen umfangreichen Artikel darüber gebracht, wie sehr wir es selbst in der Hand haben, wie gesund wir sind, wie lange wir bei hoher Lebensqualität leben, d.h. in dem Artikel ging es keineswegs nur ums Rauchen, sondern allgemein um die „gesundheitsfördernde Gewohnheiten“:

  • „Um bis zu 17 Jahre lässt sich [statistisch gesehen] das Leben verlängern , wenn man Alkohol und Zigaretten meidet und den richtigen Mix aus Ernährung und Bewegung praktiziert.“ (Blech 2017, 91)

So simpel ist es, gut zu leben.

– und:

  • „Wie es einem Menschen gesundheitlich geht wird nur zu 20 Prozent durch die Gene vorbestimmt und zu 30 Prozent durch die Umwelt, in die er hineingeboren wird, den größten Anteil [=50%] an seinem medizinischen Schicksal hat jeder selbst in der Hand.“ (ebd.)

Mist, das bedeutet aber auch: Eigenverantwortung.

 

Abgesehen von einer ausgewogenen, eher pflanzlich orientierten Ernährung (vgl. ebd.) unter Meidung von Fertignahrung (vgl. Urner 2017, Pendzich 2017a), ausreichend Bewegung und Stressvermeidung gilt tatsächlich:

„Rauchen oder nicht Rauchen – das ist hier die (Lebens-)Frage.“

Und jetzt kommt der SPIEGEL:

  • „Das Einatmen des giftigen Zigarettenqualms, der Krebs und viele andere schlimme Leiden auslösen kann, nimmt einem die meiste Lebenszeit. Eine Frau, die jeden Tag mehr als zehn Zigaretten raucht, verliert [statistisch gesehen] 7,3 Jahre; ein Mann sogar 9,4 Jahre. Wer bis zu zehn Zigaretten am Tag qualmt, muss etwa fünf Jahre früher sterben.“ (Blech 2017, 93)

Ja, ja, ich weiß, das ist nur Statistik, Garantien bekommt keiner… ja, und Helmut Schmidt hat gefühlt täglich tausend Zigaretten geraucht…

Trotzdem, wir können alle unsere Chancen optimieren… Mein point of view: 7,3 Jahre, das ist grob gerechnet 1/10 des Lebens. 7,3 Jahre, das sind: rund 2600 Tage. Zweitausendsechshundert Mal morgens aufstehen, frühstücken, mit dem Partner unterhalten, Freunde treffen, mit den Kindern lachen, gut Essen… Boah, der Griff zur Zigarette kann tatsächlich darüber entscheiden, ob man seine Urenkel kennenlernen wird oder nicht.

(Statistik „verlorene Lebensjahre aufgrund schädlichen Lebensstils“ bei Frauen: starkes Rauchen = -7,3 Jahre, Adipositas BMI >30 = -3,2 Jahre, hoher Alkoholkonsum = -1,0 Jahre, viel Fleisch = -2,4 Jahre, zu wenig Obst/Gemüse = -0,8 Jahre, bei Männern fallen die Zahlen anders aus, da wirken insbesondere Rauchen und Alkohol noch lebensverkürzender, vgl. Blech 2017, S. 92, Graphik)

Hinzuzufügen ist, dass es ja nicht nur um die puren Lebensjahre geht, sondern auch um die Lebensqualität der späteren Jahre, d.h. um die Möglichkeit möglichst lange bei guter Gesundheit zu bleiben. Ohne Gesundheit ist alles nichts, wird jeder bestätigen, der sie verloren hat.

 

Gerade gestern ist ein Artikel bei SPIEGEL ONLINE erschienen, der aufzeigt, dass „für Frauen … das Risiko einer KHK [= koronare Herzkrankheit] mit einer täglichen Zigarette um 57 Prozent und das eines Schlaganfalls um 65 Prozent gegenüber Nichtraucherinnen [steigt]“ (Weber 2018, Hervorhebung Pendzich).

Ähem, wir reden über: Eine einzige Zigarette pro Tag. Das finde selbst ich: Unglaublich. Gerade auch dann, wenn wir mal in die Vergangenheit schauen:

 

… und dann ist da noch die 2015er Studie „Gekaufte Forschung“ des Wirtschaftswissenschaftlers Christian Kreiß, die überdeutlich herausstellt, wie sehr die weltweite Tabakindustrie jahrzehntelang mit unglaublich viel Geld, mit Lobbyarbeit, mit Bestechung von Politikern und Journalisten sowie mittels gekaufter/gefälschter Forschungsarbeiten dafür gesorgt hat, dass Rauchen (und Passivrauchen) von der Bevölkerung jahrzehntelang als relativ harmlos eingestuft wurde:

  • „Bis Mitte der 1980er Jahre wurden durch die Tabakkonzerne mehr als 100 Millionen Dollar für biomedizinische Forschung ausgegeben. Zentrales Ziel war die „Vermarktung des Zweifels“ an der Kausalität zwischen Rauchen und Lungenkrebs beziehungsweise anderer Lungenleiden.“ (2015, 34)

Wenn irgendwo zu viel Geld drinsteckt, geht die Wahrheit flöten. Die Folgen dieser schrecklichen Lobbyarbeit wirken bis heute nach, in dem bei vielen Menschen Rauchen als „nicht sooooo schlimm“ angesehen wird.

 

Interessant ist übrigens auch, dass es psychologisch gedeutet i.d.R. so ist, dass die Menschen, die dem Risiko x ausgesetzt sind oder sich selbst demselbigen aussetzen, es wesentlich niedriger bewerten, als Menschen, die mehr Abstand dazu haben. Hier geht es um die sog. Dissonanzreduktion:

„Wenn Menschen eine Diskrepanz zwischen ihren Erwartungen und der Realität erleben, die sich praktisch nicht beseitigen lässt, erzeugt das ein tiefes Unbehagen und damit das dringende Bedürfnis, die Dissonanz zum Verschwinden zu bringen oder sie wenigstens zu reduzieren. Daher wird die Wahrnehmung der Wirklichkeit der eigenen Überzeugung angepasst, weshalb Raucher Lungenkrebsstatistiken für überbewertet halten und Anlieger von Kernkraftwerken das Strahlungs- und Unfallrisiko regelmäßig niedriger einschätzen als Menschen, die weit entfernt von Atommeilern leben.“ (Welzer 2016, 32)

Nun, ich schlage vor, diese psychologische Tatsache im Hinterkopf zu behalten…

 

Eine gute Nachricht hält der SPIEGEL abschließend doch noch parat:

  • „Raucher, die spätestens mit 30 Jahren auf Zigaretten verzichten, erreichen nahezu die Lebenserwartung eines Nichtrauchers“ (Blech 2017, 93)

 

Grosses bises, ბევრი მივესალმოთ, bleib mir gewogen, cu

Marc

 


Quellen:

 

Mehr zu den hier angeschnittenden Themen „gesunde Ernährung“ und „Lobbyismus“:

 

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