Wir haben die Wahl. Spielen wir beim „Normbiografieleben“ mit – oder nicht?

Wir haben die Wahl.

Wir können das Spiel „(obere-Mittelschicht-Wir-haben-es geschafft-)Normbiografie in D“ mitspielen.

 

Das geht etwa so:

 

Nach dem Studium und Praktika treten wir den ersten Job an, der relevant Geld abwirft.

Wir fangen an, unsere Ausgaben und unseren Lebensstandard hochzuschrauben.

Wir nutzen unsere nunmehr große Kreditwürdigkeit und kaufen z.B. eine 1000-EUR-Kaffeemaschine, den ersten Neuwagen, richten unsere weitgehend neu ein, reisen mehr, mehr, mehr. Und:

 

Wir arbeiten mehr. Denn wir wollen ausbauen und absichern, was wir erreicht haben. Unsere ersten Investments kamen super bei unseren Freunden an, wir haben jetzt einen neuen Status.

Unsere Kollegen fahren tollere Autos aus wir. Auch unsere Freunde machen Karriere und erneuern ihren Fuhrpark, ziehen um in angesagtere Stadtviertel in größere Wohnungen.

Partygespräche münden neuerdings in andere Themen: Grundstückspreise. Haus im Grünen oder Eigentumswohnung? Das scheint DIE Frage zu sein. Und in der einen oder anderen Ecke wispert jemand schon etwas von einem Baby.

 

Unser Haus haben wir gebaut, während „wir“ schwanger waren. Es liegt vor den Toren der Stadt, im Grünen, wir sind Pendler geworden. Wenn es gut läuft, sitzen wir lediglich zweieinhalb Stunden pro Tag im Auto. Das Haus sehen wir im Winterhalbjahr eigentlich nur am Wochenende bei Tageslicht. Und wenn wir nach Hause kommen, sind die Kinder schon (fast) im Bett. Aber ein Gute-Nacht-Geschichte ist noch „drin“.

Der Job, die neue verantwortungsvolle Position und die Pendelei fordern ihren Tribut. Deshalb fahren wir auf ein: Wellnesswochenende.

Der Job, die neue verantwortungsvolle Position, die Pendelei fordern weiterhin und stetig ihren Tribut. Hinzu kommen die vielen Überstunden, die per ungeschriebenem Gesetz einfach erwartet werden. Wer zuerst geht ist ein Looser. Als Ausgleich gönnen wir uns mal so richtig etwas: Einen SUV (jetzt haben wir auch endlich einen!), einen wandgroßen Flatscreen, smarte Geräte à la Alexa, noch ein Wellnesswochenende – und einen Urlaub auf den Malediven – um mal so richtig auszuspannen, damit wir dann hinterher wieder mit frisch aufgeladenenen Batterien so richtig durchstarten können.

 

Wir melden uns für ein Seminar bei einem Zeitmanagement-Pabst an, fahren Freitag nach dem Job sechshundert Kilometer dorthin – und nach einer Nachtfahrt kehren wir Montag direkt in den Job zurück. Schlafen können wir ja noch, wenn wir tot sind.

Wir beschließen, dass wir eine Reinigungsfachkraft für unseren Haushalt einstellen wollen, damit wir uns mehr auf die Kinder und den Job konzentrieren können. Die paar Kröten können wir locker entbehren, außerdem können wir so mehr verdienen. Das gleicht sich also aus. Unser Steuerberater findet das auch.

Vielleicht wäre ein Au-Pair ebenfalls eine gute Sache. So haben wir auch mehr Zeit für uns als Paar.

 

Im Keller stapeln sich diverse Dinge, die wir uns „gegönnt“ haben. Sorry, keine Beispiele möglich – wir wissen nicht, was dort konkret gelagert ist. … Moment, doch da fällt uns doch noch was ein: Eine komplette Kite-Surf-Ausrüstung. Sie liegt direkt neben der noch nicht ausgepackten Drohne – da brauchen wir noch eine Genehmigung, damit das Ding in die Luft darf.

Unsere Firma unterteilt sich in Golfer und Fitness-Studio-Follower. Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht, d.h. wie Chef-Etage und Fußvolk. Wir haben uns daher für das Golfen entschieden. Eine Investition in die Zukunft.

Die Nächte in den Hotels? Hm.

 

Wir arbeiten und arbeiten – unsere Fix- und Kreditkosten werden immer höher. Und all die Versicherungen, die privaten Renten-Policen… die beiden Berufsunfähigkeitsversicherungen – für jeden von uns. Sicher, das geht schon, wir haben mittlerweile relevant Kapital, denn schließlich sind da ja noch die Boni. Vielleicht setzen wir uns schon mit 55 zur Ruhe? Nur noch 15 Jahre. Ha, dann hauen wir in den Sack. Wir freuen uns jetzt schon auf diesen Tag in rund fünftausendfünfhundert Tagen, an dem wir – das ist fix! – extra nach London fliegen, um unserem Chef die Kündigung persönlich auf den Tisch zu knallen. Wir müssen nur aufpassen, nicht vorher „outgesourced“ zu werden. Damit nicht uns das  passiert, sondern den Anderen, versuchen wir uns „unentbehrlich“ zu machen, und das bedeutet: Noch mehr Arbeit, noch mehr Engagement, noch mehr Verantwortung, noch mehr Überstunden. Die Augenringe haben wir uns neulich in der Mittagspause wegmachen lassen.

Vor einigen Jahren haben wir uns ein Boot gekauft. Es wird jährlich überholt, hat einen Winterliegeplatz und im Hafen ankert es gegen Gebühr den Rest der Zeit. Letztes Jahr waren wir zwei Mal draussen damit. Dieses Jahr haben wir es leider nicht geschafft. Termine.

Unsere Kinder sind jetzt acht Jahre alt. Unser Chef sagt, wir sollen/können/dürfen/müssen für drei Jahre in die USA, cool, danach bekommen wir sicher eine noch bessere Position, Anteile an unserem Unternehmen und noch mehr Boni. Und die Kids lernen dort endlich Englisch – und sogar noch die Weltsprache Spanisch bei der mexikanisch-stämmigen Nanny. Von solchen Chancen konnte unsere Generation nur träumen. Unser Haus in Deutschland vermieten wir unter. Toll, dass unser Ehepartner mitkommt, wir haben uns die letzten Jahre aufgrund der vielen Dienstreisen nicht so viel gesehen. In den USA wird das bestimmt besser, denn da wird sich der Partner in erster Linie um die Kinder kümmern, zur Schule fahren, zum Sport, zum Musikunterricht etc. pp. Und wenn wir in den USA sind, können wir in den zehn Urlaubstagen, die wir pro Jahr haben, endlich in Gegenden reisen, in die wir sonst nicht so leicht kommen: Hawaii zum Beispiel. Oder Las Vegas.

 

Freunde? Nun, wir wissen bei einigen nicht, wo sie abgeblieben sind. Jeder ackert ja so vor sich hin… aber per fb halten wir Kontakt. Locker. Und wir haben ja unser Arbeitsumfeld, da sind ein paar Leute dabei – und mit denen hängen wir ab bei den Afterworkparties und den Teambuilding-Weekends.

Mittlerweile haben wir (sowohl mein Partner als auch ich) auf Anraten der Chefetage einen Personal Coach. Genauer gesagt, jeweils zwei Coaches. Einen fürs Physische  und einen, der uns hart macht für das internationale Biz. Und ein Mal die Woche gehen wir noch zum Business-Englisch-Kurs, man will ja nicht dumm aufallen.

Die Kids gehen ja zum Glück inzwischen später schlafen, sie sind ja schon groß, das trifft sich gut, denn dann können wir ihnen nachts noch kurz zuwinken. Aber wir machen demnächst vier Tage Barcelona, da können wir gemeinsam alles nachholen.

Wenn wir nachmittags von der Konferenz kommen.

What for?

Wir können das Spiel „(obere-Mittelschicht-Wir-haben-es geschafft-)Normbiografie in D“ mitspielen.

Müssen wir aber nicht.

 

Neulich habe ich irgendwo eine Frage gelesen, die mich seither beschäftigt:

Was ist das Ziel hinter Deinem Ziel?

 

Marc Pendzich.

 


Habe ich übertrieben?

Vielleicht ein wenig. Ich hoffe.

Aber Fakt ist, dass das, was vor 15 oder 20 Jahren höchstens eine Biografie von den wenigen Ron Sommers dieser Welt gewesen wäre, heute nach meiner Beobachtung das selbstgewählte Los, der selbstgewählte Anspruch zu sein scheint von wirklich vielen Menschen der eher mittleren Management-Ebenen/Einkommensklassen…

… und eine wichtige Antriebsfeder das „Spiel“ immer weiter mit zu „spielen“, scheint die Angst vor dem „sozialen Abstieg“ zu sein. Ich persönlich glaube, dass Kredite/Schulden/Hypotheken geradezu System-gewollt sind. Denn sie sind ein wirksames Mittel, um die Leute eben im System, im Hamsterrad (und übrigens auch: politisch ruhig) zu halten. Vielleicht stecken die US-Amerikaner ja genau deshalb noch tiefer im Kapitalismus drin – weil zumindest jeder vormalige College-Schüler, der nicht aus wohlhabenden Verhältnissen stammt, sogar schon vor Berufseinstieg massivst verschuldet ist?

 

Beitrag zu einem kleinen Teil inspiriert durch:

In Florian Opitz‘ Buch/Film-Dokumentation „Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ (2012, S. 165) schildert der ausgestiegene Unternehmensberater Rudolf Wötzel, wie er extra nach London flog, um seine Kündigung seinen Chefs persönlich auf den Tisch zu knallen.

Trailer:

 

 

Buchtipp:

  • Wringham, Robert (2016): Ich bin raus. Wege aus der Arbeit, dem Konsum und der Verzweiflung.

Charmant und smart; m.E. eher für die erstmalige Beschäftigung mit dem Thema geeignet – aber sehr schön, wie er die den oben beschriebenen Arbeits-Konsum-Prozess als „Falle“ bezeichnet und gnadenlos seziert. Wir haben nur ein Leben. Lautet die Konsequenz, obiges Spiel mitzuspielen – oder gerade nicht? Nun, dieser Blog heißt LLL.

 

Für Fortgeschrittene sei eher

  • Hodgkinson, Tom (2007): Die Kunst, frei zu sein. Handbuch für ein schönes Leben. Heyne.

empfohlen. Er ist der anarchisterische und m.E. konsequentere der beiden Autoren und verleitet mehr zum: Selbstdenken.

 

Frei assoziiert:

Habe mir gestern, nach der Niederschrift dieses Beitrages die Doku „Work Hard Play Hard“ von Camen Losmann aus dem Jahr 2011 angeschaut – über das moderne Arbeitsleben, über „Change Management“, die vermeintliche Förderung kreativer Arbeitsprozesse, ständige Selbstoptimierung und über die zunehmende Verwischung von Arbeit und Freizeit.
Meike Fries bezeichnet diesen Film in der ZEIT als „Gruselfilm“… und sie hat recht: Mit Leben, Lebendigkeit und Lebensqualität (ha, auch drei „LLL“’s) haben die dort gezeigten Arbeitsbedingungen m.E. NICHTS zu tun. Alle Personen waren durchweg konstruktiv-stoisch-reserviert-kalt – sie selbst würden wohl „professionell“ sagen.

Abschließend Meike Fries den Inhalt der Doku überaus treffend zusammen:

„Würde man [im Film] die hohlen Phrasen und Worthülsen streichen, die all die Change Management Meetings und Mitarbeitergesprächen füllen, bliebe kaum etwas Fassbares [bzw. vom Film] übrig.“

siehe

Trailer:

 

Ähem, das Leben kann so einfach sein:

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