Album „nachtgesang – eine hommage an may ayim“ – oder: Fragen des Lebens

Musikalbum pndzch feat. danny merz - eine hommage an may ayim
coverbild by danny merz: https://sollsuchstelle.de/

pndzch feat. danny merz: nachtgesang – eine hommage an may ayim, VÖ: 13. Oktober 2017
(Stream | Download | CD)

Lieder einer großen und doch unerwiderten Liebe.

May Ayim brachte diese Sehnsucht und den innewohnenden Konflikt zu Papier. Geronnene Erkenntnis –  geballte Emotionalität, kondensiert in wenigen Zeilen – einerseits mit Traurigkeit behaftet, jedoch andererseits mit tiefer Liebe zum Leben verfasst und darüber hinaus aus einer faszinierend selbstbewussten und sinnlich-weiblichen Perspektive geschrieben, das sind May Ayims Lyrics für mich.

 

Gewöhnlich ist es für mich so, dass ein Text, den wir mehrfach und immer wieder lesen – ähnlich einem Musikstück, das wir oft gehört haben – an emotionalem Gehalt verliert. May Ayims Gedichte hingegen nehmen mich auch heute noch, zwanzig Jahren nach erstmaliger Beschäftigung mit ihrem Werk, ähnlich ein wie am ersten Tag.

Was mag das mit mir zu tun haben? Der melancholische Aspekt? Das ‚Lächeln unter Tränen‘?

  • Vielleicht ist es die Zerrissenheit, die sich ergibt, wenn man nicht genauso zurückgeliebt wird wie man selbst liebt, die auch ich (wie wahrscheinlich die meisten von uns) irgendwann erleben musste, weshalb ich seinerzeit „ein Lied singen konnte“ von dem Gedicht ’nachtgesang‘ mit der Zeile „Ich warte nicht mehr auf die besseren Zeiten“.
  • Vorallem mag es die kraftvolle Authentizität sein – diese Kompromisslosigkeit, mit der May Ayim das Leben in und außerhalb ihrer Gedichte intensiv gelebt hat, die mich anspricht und die ich auch selbst lebe, oder besser: am liebsten stetig leben würde.
  • Mir ist das gängige immer noch allzu stark vorhandene  ‚Macho-Selbstbild‘ von vielen Männern sehr fremd; die weibliche Perspektive, das Selbstbewusstsein als Frau, die empfundene Ganzheit / Verbundenheit und das ‚bei sich bleiben‘

(ohne ganz vorne stehen zu müssen und „Hier bin ich“ zu schreien wie viele meiner Testosteron-gebeutelten (!) Brüder)

finde ich grundsympatisch, anziehend und inspirierend. Insofern betont dieses Album vielleicht schlicht meine weibliche Seite (‚Anima‘).

(Ja, auch Du, Bruder, hast diese Seite in dir!)

 

 

Was ich wunderbar finde an May Ayims Lyrics: Ich lese sie immer wieder, und dann, mit Abstand nochmal – und finde erneut einen neuen Aspekt, der mir bislang entgangen ist:

So entdeckte ich für mich unlängst erst so richtig die Einsamkeit, die aus Ayims von mir in Musik gefassten Texten spricht: Alle diese Texte weisen als Grundmotiv Alleinsein bzw. Abwesenheit des Partners auf:

May Ayim setzt sich in Abwesenheit des Geliebten mit den Gründen für die problematische Beziehung auseinander – es sind im Grunde Briefe an den Partner und/oder an sich selbst. Es sind Aufforderungen an sich selbst, die Beziehung zu beenden („und diesmal wenn du gehst, bin ich schon fort“) – und verkörpern doch die Sehnsucht, dass die Liebe endlich gleichwertig erwidert wird.

 

May Ayim öffnet mit wenigen Worten ganze Welten – ein gutes Beispiel ist ihre in ‚[leiser] Abschied‘ aufgeworfenen Frage „Was sollen die letzten Worte sein?“ – eine Frage, die ich mir (vor zwanzig Jahren) bis dahin noch nie gestellt hatte und die mich wie ein Keulenschlag traf. Und deren schlichte Antwort – „Danke“ –  ans Klavier trieb. Und mich dieses Werk schreiben ließ.

Nein, mit „Party des Lebens“ – mit SchnellerHöherWeiter haben May Ayims Lyrics nichts zu tun. Aber umso mehr mit dem: Leben.

pndzch.

 


Das Album ‚nachtgesang – eine hommage an may ayim‘ ist auf allen gängigen Stream- und Downloadplattformen erhältlich sowie als CD im gutsortierten Fachhandel sowie z.B. bei Amazon.de und natürlich bei bandcamp.com

s.a. www.pendzich.com

Das Coverbild des Albums ’nachtgesang‘ stammt von der Hamburger Fotografin Danny Merz: https://sollsuchstelle.de/


Biografie May Ayim

May Ayim (1960-1996), geboren in Hamburg, aufgewachsen in einer Pflegefamilie in kleinstädtischer Umgebung. Dort zur Angepasstheit erzogen, bricht May Ayim als junge Frau aus ihrer Familie aus und setzt sich fortan intensiv mit ihrer deutsch-ghanaischen Identität auseinander. Ihre vielbeachtete Diplomarbeit zur Geschichte afro-deutscher Frauen die erste wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema überhaupt. An das Pädagogik-Diplom schließt May Ayim eine Ausbildung zur Logopädin in Berlin an. Lesungen ihrer Gedichte, ihr Engagement u.a. für die „Initiative Schwarze Deutsche und Schwarze in Deutschland“ sowie ihre Tätigkeit als Lehrbeauftragte machen sie
Anfang der 1990er Jahre einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Diesem zunehmenden öffentlichen Druck fühlte sich May Ayim nicht gewachsen. Psychisch ohnehin stark angegriffen, erhielt May Ayim die Diagnose Multiple Sklerose und nahm sich am 9. August 1996 das Leben. Heute trägt die Straße May-Ayim-Ufer an der Berliner Spree ihren Namen. Zudem wird alljährlich der May-Ayim-Award für internationale schwarze Literatur vergeben.

Mehr über May Ayim:

https://de.wikipedia.org/wiki/May_Ayim (Abrufdatum: 6.11.2017)

Kelly, Natasha A. ‚Schwarze Frauen in Deutschland. ‚Aus der Unsichtbarkeit getreten.'“ in taz 3.5.2017.  http://www.taz.de/Schwarze-Frauen-in-Deutschland/!5402118/ (Abrufdatum: 6.11.2017)

MacCarroll, Margaret (2005): May Ayim: A Woman in the Margin of German Society. [Master Thesis] http://diginole.lib.fsu.edu/islandora/object/fsu:181057 (Abrufdatum: 6.11.2017)

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