Hybris vs Hygge / Hygge contra Hybris

Ich liebe diese Überschrift.

„Hybris“ meint das zweifellos übertriebene Leben, das wir mehrheitlich führen in der westlichen Welt, das SchnellerHöherWeiter. Das Leben, in das alles hineingestopft wird per Freizeitevent, Optimierung, Verdichtung und Beschleunigung. Gemeint ist der Versuch, aus diesem einzigen Leben, das wir haben, alles herauszuholen.

Das dänische Wort „Hygge“ umschreibt hingegen ein ungleich zurückhaltendes Leben. Konkret meint Hygge den Zustand des bewussten, runterfahrenden, wertschätzenden Miteinander-Abhängens z.B. bei Kerzenschein und Tee, des Palaverns mit Freunden, ohne zu tief in konfliktreiche (z.B. politische) Themen einzusteigen – und beschreibt letztlich das Streben nach freier Zeit (Freizeit) und Zeit-Erleben (allein oder mit Vertrauten) ohne großen materiellen oder organisatorischen Aufwand.

Doch zunächst zurück auf die Überholspur:

Das Lebensmodell „Hybris“ funktioniert nicht. Für uns selbst nicht. Für die Menschheit nicht und für den Planeten erst recht nicht.

  • Für uns selbst als Einzelnen funktioniert es nicht, weil der Versuch, alles in dieses Leben hineinzupacken letztlich bedeutet, dass es gefühlt verdammt schnell zu Ende ist, weil wir gar nicht mitbekommen, wie die Zeit vergeht. (Manchmal zeigt schon die Sprache, was Sache ist: Die Zeit vergeht im beschleunigten Modus „wie im Flug“.)
    Hybris, also: SchnellerHöherWeiter ist unsere unreflektierte Antwort darauf, dass das Leben begrenzt und kurz ist. Aber nur deshalb, weil wir ignorieren, nicht wirklich kapieren (reflektieren), wie kurz und zerbrechlich das Leben wirklich ist. Was sind 80 Jahre? Wohlgemerkt 80 Jahre, wenn es gut läuft und die uns keiner garantiert. Wenn wir die Zerbrechlichkeit des Lebens tatsächlich vollständig verstehen würden, wären Karriere, Geld und Materielles für die meisten von uns m.E. nahzu bedeutungslos, zumindest nur noch Mittel zum Zweck: zum Leben.
  • Das Lebensmodell „Hybris“ funktioniert für die Menschheit und diesen Planeten (Klima, Umwelt) nicht, weil wir (Angehörige der Industrienationen) schlicht für unser persönliches Leben zu viel Energien und Ressourcen einsetzen, weit mehr als es uns zustehen. Daher ist Hybris in Wirklichkeit zutiefst egoistisch. Hybris ist m.E. für uns überhaupt nur auszuhalten, weil wir die Augen davor verschließen, was wir da eigentlich tun: Wir leben zutiefst auf Kosten der kommenden Generationen (und damit auch auf Kosten unserer eigenen Kinder und Enkel) sowie auf Kosten der Menschen außerhalb des Speckgürtels namens Westen.

Wir leben Hybris, weil es Freunde, Kollegen, Nachbarn auch machen – warum sollten wir da verzichten? Wir würden uns ja quasi ins eigene Bein schießen, denn Reisen, Autobesitz, Hausbesitz, Materielles erhöhen oberflächlich betrachtet unser Selbstbewusstsein, unser Prestige und somit unseren „Marktwert“ (?).

Hybris ist – wenn man es genau nimmt – eigentlich kollektiver Größenwahn. Um 1900 waren Hunger und Armut für viele Menschen in Mitteleuropa auch abseits von Kriegszeiten Normalität. Der Durchschnittsbürger hatte einen Reise-Radius von wenigen Kilometern, die Lebenserwartung lag in Deutschland zur vorangegangenen Jahrhundertwende bei etwa 50 Jahren, die Ehe war grundlegend auch eine Art Versicherung, Kinder kamen einfach, und so Mancher bekam seinen einzigen Mantel vom Vater vererbt. Ach ja, und eine Entzündung endete allzuoft mangels Antibiotika tödlich, Deos gab es nicht und der Zahnarzt war manchmal gleichzeitig auch der Dorfschmied. Plakativ ja, aber falsch? Nein.

Wie sehr müssten wir Westler uns eigentlich täglich gratulieren und ernsthaft! vor Freude wie kleine Kinder hopsen, weil wir heute mehr als ausreichend über Nahrung, Kleidung, eine exellente Gesundheitsversorgung, Demokratie, soziale Absicherung, Freiheit in jeglicher Hinsicht sowie Rechtssicherheit verfügen?

Aber wir bekommen den Hals nicht voll – ignorieren das „menschliche Maß“ – und das ist: Hybris.

Es geht keineswegs darum, Wohlstand zu verachten.

Aber zwischen Wohlstand (in etwa: das menschliche Maß) und Hybris liegt eine rote Linie, die zweifellos überschritten ist, wenn die „europäische Partymetropole [Berlin seit etwa 10 Jahren regelmäßig] Wochenende für Wochenende von geschätzten 10.000 Billigflugtouristen heimgesucht wird… weil hier ein vermeintlich besserer DJ auflegt als in Madrid, Tel Aviv, New York, Stockholm…“ (Paech, S. 52)

Es kann gar nicht deutlich genug gesagt werden: Ein Recht auf grenzenloses Leben, d.h. auf ein Leben mit schrankenlosem Ressourcen- und Energieverbrauch, gibt es nicht.

Hygge steht für die Balance, die wir zu halten haben.

Im Interesse des Planeten, der Menschheit – und von uns selbst. Denn, die Ironie besteht ja darin, dass wir mit unserer Hybris letztlich alles andere als glücklich sind – und z.B. die Dänen mit ihrem Hygge-Lebensverständnis hingegen auf dem“Glücksindex“ (World Happiness Report) ganz weit vorne stehen.

Mehr Hygge täte uns allen gut.

Und was sind am Ende des Lebens, wenn wir Bilanz ziehen, die Hybris-Aspekte noch wert? Wenn wir den Aussagen des Buches „Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ folgen:

Nichts.

 

pndzch.

 


Quelle Lebenserwartung in Deutschland um 1900: http://www.berlin-institut.org/newsletter/Newsletter_13_09_2006.html

Den Begriff Hybris entnehme ich dem teilweise etwas streitbaren Buch Meinhard Miegel: Hybris. Die überforderte Gesellschaft, 2014

Sehr zu empfehlen ist m.E. Niko Paechs Sinn für das „menschliche Maß“:
Paech, Niko: Befreiung vom Überfluss, 2012, S. 52, er verweist hier auf Tobias Rapp, der von „Easyjetravellern“ spricht: In diesem Club „sind 3000 Leute. Gut die Hälfte davon ist extra aus Tel Aviv, Manchester, Barcelona oder sonst woher angereist. Und die meisten von diesen 1500 Leuten sind extra deshalb hergeflogen“  Tobias Rapp: Lost and Sound. Berlin, Techno und der Easyjet, 2009, S. 88.

Manche Dinge (die persönliche Biografie Bronnie Wares‘ betreffend) las ich lieber quer, aber in den Kernelementen sehr erkenntnisreich:
Bronnie Ware: 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen: Einsichten, die Ihr Leben verändern werden, 2012.

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