Ich lebelieberlangsam

Ich lebelieberlangsam.

Das ist eine Entscheidung, ähnlich der Wahl des Verkehrsmittels:

  • Fahren wir Fahrrad, nehmen wir die Pflanzenwelt am Wegesrand wahr, sehen Eichhörnchen den Baum raufkraxeln…
  • Oder nutzen wir lieber hunderte Pferdestärken um uns quer durchs Land zu katapultieren? Dann bekommen wir nicht mal mehr mit, an welchen kleineren Ortschaften wir vorbeifahren…

Sparen wir so wirklich Zeit?

Ich melde Zweifel an. ErLEBE ich mehr, erlebe ich mich stärker, wenn ich Zeit „spare“ und mehr ErLEBnisse und Dinge in mein Leben packe? Ist es wirklich anzustreben, in diesem „Leben als letzte Gelegenheit“ (vgl. Ulrich Schnabel: Muße,  S. 193) so viel wie möglich zu machen, zu erleben, so viel wie möglich reinzuquetschen, um alles herauszuholen, was geht? Ist das das „Carpe diem“, das Horaz 23 v. Chr. oder z.B. auch Henry David Thoreau („Walden“) gemeint haben?

Ich glaube, es gibt heute zwei übliche Arten „Carpe diem“ – Nutze den Tag – zu interpretieren:

  • Das Leben ist kurz. Nimm alles mit was Du kriegen kannst.
    oder
  • Das Leben ist kurz. Lebe diesen Tag wie Du ihn als den möglicherweise letzten verbringen würdest? (Ähem, würdest Du Dich an Deinen letzten Tag mit Geld verdienen, Ruhm- und Machtstreben beschäftigen?)

Ich gehe noch weiter und behaupte: Das Leben ist derart kurz, dass sich das Mitspielen auf dem „Spielfeld der unendlichen Möglichkeiten“ überhaupt nicht lohnt. Wenn man sowieso nicht alles mitnehmen kann, ist der Versuch: Zum Scheitern verurteilt.

Und wie lange wir selbst überhaupt auf diesem Spielfeld stehen werden, wissen wir nicht.

Lebenszeit ist in meinen Augen also noch viel knapper bemessen, als – so denke ich – die meisten Menschen glauben und erhoffen.

Oooh, damit möchte ich keinerlei Fatalismus verbreiten. Das heißt nicht, die Füße hochzulegen. Oder in Depressionen zu versinken.

Es bedeutet lediglich, dass wir loslassen können. Und sollten. Unser eigenes Ding machen sollen, also das, was uns wirklich wichtig ist. Damit wir uns eines Tages bei einer Art „Lebensbilanz“ eben nicht fragen müssen, in was für unsägliche Nebensächlichkeiten wir uns verstrickt haben, warum wir so vieles aufgeschoben haben, warum wir uns derart auf eine Karriere fokussiert haben, anstatt Qualitätszeit mit Freunden zu verbringen.

Wer immer beschäftigt ist, seinen Tag zuballert, spürt nicht, wie die Zeit vergeht (produktive Ausnahme: Flow). Wenn wir die Zeit nicht spüren, nehmen wir unser Leben nicht wahr. Und dann wissen wir nicht, wo die Jahre geblieben sind.

Sicher, es gibt Situationen, in denen geht es gar nicht anders. Das ist normal, aber es liegt an uns, diese „zeitlose Zeit“ zu begrenzen und dann zu uns selbst zurückzukehren.

LebeLieberLangsam bedeutet für mich, die (eigene) Zeit wahrzunehmen, sich zu spüren, sich wichtig zu nehmen – achtsam zu sein, im Jetzt zu leben und sich vor allem nicht durch die sirenenartigen SchnellerHöherWeiter-Lockrufe vom eigenen Weg abbringen zu lassen.

pndzch

 


Mehr über den Gedanken vom „Leben als letzte Gelegenheit“, weil es eine „Jenseits-Hoffnung“ weniger denn je gäbe, in:

Ulrich Schnabel: Muße. Vom Glück des Nichtstuns. Blessing, 2010, S. 193

(Schnabel bezieht sich in seinem Buch auf: Marianne Gronemeyer (1996): Das Leben als letze Gelegenheit. Sicherheitsbedürfnisse und Zeitknappheit. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt. )

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